"Kitas in ihrer Qualitätsentwicklung fördern"

Michael Fritz, Vorstandsvorsitzender
© Heidi Scherm/Stiftung Haus der kleinen Forscher
Michael Fritz ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" und plädiert für mehr Qualität in der frühen Bildung.

Gute frühe Bildung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Laut dem im Juni veröffentlichten Bericht "Bildung in Deutschland 2020" sehen sich pädagogische Fach- und Lehrkräfte immer mehr der Herausforderung gegenüber, Kinder bereits ab der Kita mithilfe von MINT-Bildung, Sprachförderung und der Entwicklung von Digitalkompetenz qualifiziert zu begleiten. Michael Fritz, Vorstandsvorsitzender der Stiftung "Haus der kleinen Forscher", spricht im Interview über die Bedeutung von Kita-Qualität, Digitalisierung und Beispiele guter früher MINT-Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.

Herr Fritz, die Zahl der Beschäftigten in der Kindertagesbetreuung hat mit 654.000 pädagogisch Tätigen* einen neuen Höchststand erreicht. Wie bewertet die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" diese Entwicklung?

Das ist natürlich eine positive Entwicklung, denn das zeigt ganz deutlich, dass hier auf einen stetig wachsenden Bedarf eingegangen wird. Kitas haben sich längst auch als Bildungseinrichtungen etabliert und immer mehr Eltern wollen die Betreuungs- und Bildungsangebote für ihre Kinder in Anspruch nehmen.

Damit die Kindertageseinrichtungen aber auch langfristig ihren Bildungsauftrag erfüllen können, ist es wichtig, die Erzieherinnen und Erzieher ausreichend zu qualifizieren und die Kitas in ihrer Qualitätsentwicklung zu fördern.

Geplante Verwendung Bundeszuschüsse Kitas
© "Bildung in Deutschland 2020", BMFSFJ 2020.
"Investitionen in die Qualität von Kitas sind in den meisten Ländern bisher viel zu kurz gekommen", so Michael Fritz.

Das 2018 verabschiedete "Gute-Kita-Gesetz" hat ja genau auf mehr Kita-Qualität abgezielt – war es hilfreich?

Ein "Gute-Kita-Gesetz" zur Weiterentwicklung der Qualität in der frühkindlichen Bildung ist ein guter Gedanke. Leider wurde das Potenzial dieses Beschlusses, nämlich die Qualitätsstandards in den Ländern anzugleichen, nicht ausgeschöpft. Der Bildungsbericht zeigt ganz deutlich, dass viele Länder die Fördermittel überwiegend oder gar komplett für die Beitragsbefreiung verwendet haben, beziehungsweise dies planen. Das kommt zwar sozialschwachen Familien zugute und ermöglicht mehr Teilhabe, trägt aber nicht zu einer besseren Qualifizierung des Personals und einer Qualitätssteigerung der ganzen Einrichtung bei.

Überhaupt sind Investitionen in die Qualität in den meisten Ländern bisher viel zu kurz gekommen. Genau darin liegt jedoch die Chance, wirklich nachhaltig Veränderungen in der Bildungslaufbahn aller Kinder zu bewirken. Um Kita-Qualität zu verbessern braucht es deshalb bundesweit vergleichbare Standards, auf die sich alle Akteure in der frühen Bildung verständigen.

Was sind denn aus Ihrer Sicht konkrete Merkmale guter Kita-Qualität? 

Vor allem braucht es natürlich gut ausgebildete Fachkräfte; das gilt für die Kita genauso wie für die Horte und Grundschulen, in denen frühe Bildung stattfindet. Pädagogische Qualität steht und fällt mit der Qualifikation des pädagogischen Personals.

Ein Zugang zu Weiterbildungsmöglichkeiten sollte zeitlich und finanziell gegeben sein. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie wenig Zeit insbesondere Erzieherinnen und Erzieher in ihrem normalen Alltag haben, um sich beruflich weiterzubilden. Die Kitaschließungen waren für viele eine Gelegenheit – mitunter sogar erstmalig – an unseren Online-Fortbildungen teilzunehmen oder gar eine Zertifizierung ihrer Einrichtungen in Angriff zu nehmen. Das sollte jedoch keine Ausnahme, sondern eine Selbstverständlichkeit sein.

Damit sind wir, neben qualifiziertem Personal, auch bei der Qualität der Einrichtungen. Kitas sind einem ständigen Wandel unterzogen: Die Zahl der Betreuungsplätze nimmt zu. Die Personalsituation verändert sich. Es kommen neue gesetzliche Vorgaben, zusammen mit den Ansprüchen, die vonseiten der Eltern gestellt werden, und so weiter. Als Betreuungs- und Bildungseinrichtungen brauchen Kitas gute Strategien, um mit den hohen Erwartungen umgehen zu können. Die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" geht davon aus, dass Maßnahmen der Organisationsentwicklung einen Beitrag zur Steigerung der Bildungsqualität in Einrichtungen der Frühpädagogik leisten könnten. Ob und inwieweit die Einrichtungen selbst Strategien erarbeiten können, bringen wir derzeit gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung im "Forum KITA-Entwicklung" in Erfahrung.

Pädagogische Qualität steht und fällt mit der Qualifikation des pädagogischen Personals.

Michael Fritz

Bleiben wir beim Punkt Qualifikation des Fachpersonals: Was macht denn eine gute Erzieherin oder einen guten Erzieher aus?

Pädagogische Fachkräfte in Kitas oder im Ganztag leisten eine äußerst wertvolle Arbeit: Sie begleiten Kinder tagtäglich in ihrer Entwicklung auf dem Weg zu selbstbestimmt denkenden, nachhaltig handelnden Individuen. Dabei sind sie Betreuerinnen, Erzieher und Lernbegleitungen zugleich und leisten wichtige Bildungsarbeit.

Es gibt da ein schönes Beispiel, wie gute Lernbegleitung aussehen kann: In einer Kita in Baden-Württemberg fiel den Erzieherinnen und Erziehern auf, wie amüsiert die Kinder über das Wort "Kacka" waren und sie nahmen dies zum Anlass, gemeinsam das Thema Verdauung näher zu erforschen. Sie sammelten allerlei Fragen und Vermutungen der Kinder und stellten mithilfe eines gebastelten Darms aus Feinstrumpfhosen und Haferbrei den Verdauungsprozess dar. Die Kinder wurden richtig kreativ, bauten eine Mini-Kläranlage und machten mit den Fachkräften einen Plan über gesunde Ernährung. Am Ende war ihnen die menschliche Verdauung so vertraut, dass sie das Wort "Kacka" nicht mehr so provokativ verwendeten.

Das ist MINT-Bildung für nachhaltige Entwicklung in Aktion! Im Alltag der Mädchen und Jungen bieten sich überall Anlässe, um mit ihnen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu erforschen. Eine gute Lernbegleitung weiß, die Fragen der Kinder aufzugreifen und mit ihnen in eine lernanregende Interaktion zu treten. Dafür qualifizieren wir pädagogische Fach- und Lehrkräfte aus Kitas, Horten und Grundschulen in unseren Fortbildungen.

Das Fortbildungsangebot der Stiftung "Haus der kleinen Forscher"

Fortbildungen vor Ort
Online-Fortbildungen
Kinder in Bewegung
© Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher
Michael Fritz: "MINT-Bildung unterstützt die Sprachbildung, baut Hemmungen ab und stärkt die Selbstwirksamkeit der Kinder."

Der Bericht "Bildung in Deutschland" zeigt, dass an pädagogische Fachkräfte auch immer mehr Anforderungen hinsichtlich der Sprachförderung der Kinder gestellt werden. Zum Beispiel kommt im Schnitt jedes fünfte Kind erst in der Kita verstärkt mit der deutschen Sprache in Berührung. Ist gemeinsames Entdecken und Forschen überhaupt möglich, wenn die Kinder noch nicht richtig Deutsch sprechen?

Ist es! Ich erinnere mich noch gut an meinen Besuch mit dem Regierenden Bürgermeister Müller in einer Berliner Willkommensklasse, die auch ein "Haus der kleinen Forscher" ist. Viele der Mädchen und Jungen, die diese Einrichtung besuchen, sprechen zu Beginn kaum oder gar kein Deutsch. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Ländern. Den pädagogischen Fach- und Lehrkräften gelingt es jedoch ganz prima, über das gemeinsame Entdecken und Forschen zu Natur und Technik, den Wortschatz der Kinder zu erweitern. Sie knüpfen zum Beispiel über Themen wie "Bewegung" oder "Schwerpunkt" an die Vorerfahrungen der Kinder an. Es werden Gegenstände balanciert, der eigene Körper kommt durch Turnübungen zum Einsatz und die Bewegungen, Geräte oder Vorgänge werden im Dialog wiederholt benannt. Begriffe wie "Schwerkraft" oder "Balance" gehen dabei ebenso selbstverständlich in den Sprachgebrauch über wie "Tür" oder "Gabel" – und die Kinder haben Spaß dabei!

MINT-Bildung unterstützt also die Sprachbildung und stärkt darüber hinaus die Selbstwirksamkeit der Kinder, was auch dabei hilft, sprachliche Hemmungen abzubauen.

Ein Schwerpunkt des aktuellen Berichts ist "Bildung in einer digitalisierten Welt". Digitale Medien werden demnach nur partiell in Kitas eingesetzt, in Schulen ist ihr Einsatz – das hat uns spätestens die Corona-Pandemie verdeutlicht – ebenso ausbaufähig. Braucht eine Kita schon Tablet und PC für die Arbeit mit Kindern? 

In der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" betrachten wir digitale Medien als Werkzeuge im Repertoire einer guten Lernbegleitung – gleichwertig mit nicht-digitalen Medien. So gibt ein digitales Endoskop spannende Einblicke in das Gewimmel eines Komposthaufens. Auf einem Tablet werden Forscherideen visuell dokumentiert. Sprich, die Nutzung digitaler Medien ist ein wertvoller Beitrag zur Methodenvielfalt beim Entdecken und Forschen und sollte demnach bereits in der Kita sinnvoll zum Einsatz kommen.

Eine Digitalisierung der Kitas würde sich aus unserer Sicht auch positiv auf die Entlastung der Fachkräfte im Arbeitsalltag auswirken. Etwa auf der Verwaltungsebene, wo zeitaufwändige Prozesse mithilfe digitaler Programme automatisiert werden könnten. Eine Entlastung bedeutet demnach: mehr Zeit für die pädagogische Arbeit mit Kindern.  

Ich würde mir wünschen, dass in Zukunft viel mehr Einrichtungen flächendeckend mit digitalen Medien ausgestattet werden. Der DigitalPakt Schule sowie das Ende April durch Bund und Länder beschlossene Sofortprogramm zur Ausstattung von Schulen und Schulkindern mit mobilen Endgeräten sind wichtige Maßnahmen, vorausgesetzt, dass damit langfristig auch eine Qualifizierung des Personals einhergeht. Für den Bereich Kita wäre eine Förderung der Digitalisierung ebenso begrüßenswert.

* Die im Interview genannten Entwicklungen in der frühkindlichen Bildung beziehen sich unter anderem auf den Bericht "Bildung in Deutschland 2020".

Portrait von Julia Oberthür
Autor/in: Julia Oberthür

Bildung für alle und Nachhaltigkeit – diese Themen gehören für mich unbedingt zusammen. Deshalb arbeite ich im "Haus der kleinen Forscher" aus Überzeugung. Als Referentin für Presse, Public Affairs und Digitale Kommunikation unterstütze ich unser Team dabei, ansprechende Texte und klare Botschaften für eine breite Öffentlichkeit zu formulieren. Ich schreibe auch hin und wieder privat, noch lieber widme ich mich aber der Musik, singe in einem Berliner Chor und spiele Gitarre.

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