Wenn die Lösung von Problemen in der Ecke steht

Zwei Frauen und ein Mann sitzen zu einer Besprechung an einem Tisch.
© Christoph Wehrer / Stiftung Haus der kleinen Forscher
Der Erfolg einer pädagogischen Intervention hängt maßgeblich von der Einbeziehung des ganzen Kita-Teams ab.

Katharina Ehrenfried ist Leiterin des Kindergartens an der Berlin Cosmopolitan School und hat einen spannenden Entwicklungsprozess mit ihrem Team durchlaufen. Anfangs ging es eigentlich nur darum, eine Strategie für den respektvollen Umgang der Kinder untereinander zu finden. Was sich aber daraus entsponnen hat, war eine Wertediskussion und ein Kulturwandel mit dem gesamten Team.

Anmerkung: Im Blog finden Sie Auszüge aus einem Podcast-Interview, das unsere Kollegin Rike Tiefenbacher, Referentin für Organisationsentwicklung, für die Teilnehmenden unseres Kita-Modellprogramms "KiQ – gemeinsam für Kita-Qualität" aufgezeichnet hatte. Wir wünschen viel Spaß beim Hören und Lesen!

MP3, 11.58 Mb

O-Ton Katharina Ehrenfried: Ich habe die Kitaleitung hier übernommen. Der Kindergarten hatte neu aufgemacht, der existierte erst seit einer kurzen Zeit. Und die Prozesse waren noch nicht ganz festgeschrieben und das hieß für mich erst mal, dass ich eine Risikoanalyse mache: Wo sind denn hier die Risiken? Wo ist es auch unsicher? Zum Beispiel im Spätdienst oder im Frühdienst und so weiter. Und dann habe ich geguckt: Wie kann ich denn mit diesen Risiken umgehen? Und habe das dann mit dem Team gespiegelt – und sie gefragt: Was seht denn ihr noch und was können wir denn da machen? […]

Und es war dann eine ganz kreative Phase, wo alle ihre Ideen ausgetauscht haben, und dann konnten wir gucken: Wie arbeiten wir mit diesen weiter? Und daraus hat sich eine pädagogische Intervention entwickelt, und die heißt: "Problemlösung" bzw. "Problemlösungsecke" – mit ganzen vielen verschiedenen Feinheiten, die man miteinander macht.

Sprechtext Rike Tiefenbacher: Die Zielsetzung dieser Problemlösungsecken, von denen Katharina Ehrenfried mir berichtet hat, ist es, vor allem bei den Kindern im Zusammenhang mit Konfliktsituationen Empathie zu fördern, die Fähigkeit zu fördern, Bedürfnisse, Emotionen, Absichten – sowohl in Bezug auf sich selber als auch auf andere – besser einzuordnen und ernst zu nehmen und dabei auch Selbstwirksamkeit zu erfahren. Dazu wurde in jedem einzelnen Raum der Kita eine kleine Ecke eingerichtet: eine Problemlösungsecke. Da hängen ein paar Bilder, Schaubilder, die die Kinder daran erinnern, wie sie sich in Konfliktsituationen oder sehr emotionalen Situationen verhalten wollen. Darüber wird vorher in Ruhe und regelmäßig auch gesprochen. Und die Ecke bietet so einen kleinen Schutzraum, in den man sich zurückziehen kann, wenn man eine Konfliktsituation hat. Und wenn zwei Kinder beteiligt sind, sie eben dort gemeinsam den Rahmen haben, sich in Ruhe und mit etwas Distanz zu dem Problem im Raum darüber zu unterhalten.

Die Ecke bietet so einen kleinen Schutzraum, in den man sich zurückziehen kann, wenn man eine Konfliktsituation hat.

Rike Tiefenbacher, Referentin für Organisationsentwicklung

Wenn man so manche Konfliktsituationen mit Kindern beobachtet, dann kann man sich kaum vorstellen, dass das funktioniert. Tut es aber anscheinend. Und das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Fachkräfte sich eben regelmäßig Zeit nehmen, mit den Kindern über dieses Thema zu sprechen. Da wird eine Geschichte erzählt, in der es darum geht, wie man Ärger begegnen kann, wie man sich da fühlt, was man da machen kann, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen und sich darüber klar zu werden, was eigentlich mit einem los ist. Da geht es auch um kleine Atem- und Bewegungsübungen für die Kinder, die vorher in entspannter Atmosphäre vorgestellt und geübt werden und dann in so einer Situation tatsächlich abrufbar sind und an die die Bilder in den Problemlösungsecken dann erinnern.

Das hilft den Kindern, einen guten Umgang mit emotionalen und schwierigen Situationen zu entwickeln. Es hilft ihnen, Ruhe zu finden in so einer Situation, da ein Stück weit heraustreten zu können. Und das wiederum hilft auch den Fachkräften, auch ein Stück zurücktreten zu können und einen auch sicheren Rahmen zu haben – mit einer logischen Konsequenz, die in solchen Situationen gilt und gleichzeitig die Gleichwürdigkeit der Kinder bewahrt. Dahin war es für das ganze Team ein gründlicher Entwicklungsprozess!

Porträtbild von Kita-Leiterin Katharina Ehrenfried
© Axel Wolpert
Kita-Leiterin Katharina Ehrenfried

O-Ton Katharina Ehrenfried: Dazu mussten wir das gesamte Team schulen und Trainings anbieten für alle im Team. Und in diesen Trainings ging es um die Gewaltfreie Kommunikation. Wie kann ich gewaltfrei kommunizieren, und wie kann ich gewaltfrei, international – also in englischer und deutscher Sprache – kommunizieren mit Menschen, die das nicht verstehen? Und wie kann ich das jeweils mit Kindern, aber auch Eltern machen? Gedacht war das eigentlich als eine pädagogische Intervention für Kinder in unseren Räumen. Und das war für mich so kräftig! Denn auf einmal hat sich die Art und Weise geändert, wie wir intim miteinander sprechen. Was wir für Kinder entwickelt haben, hat auf das Team Auswirkungen gehabt. […] Das Team hat sich diese Kompetenzen hart erarbeitet, sich Feedback gegeben, diese Sache weiterentwickelt – und hat dann plötzlich auch andere Kompetenzen gehabt, um mit den Eltern und Bezugspersonen zu sprechen.
Nach 12-monatiger harter Arbeit hat sich die ganze Atmosphäre im Haus geändert, wie Menschen sich begegnen! […] Das war, glaube ich, das Schönste, was wir was ich erlebt habe und was mich total überrascht hat, dass die eigentlich für Kinder gedachte pädagogische Arbeit jetzt so viel Qualität, so viel Freude in den Kindergartenalltag bringt.

Zuvor war unsere Kommunikation manchmal sehr bedrückend oder bewertend, in Mitarbeitergesprächen miteinander, aber auch mit mir. Irgendwie hat mich das ganz schön beschäftigt. Und auf einmal war der Umgang miteinander ein bisschen gelöster und entspannter. Und auch die Eltern und Bezugspersonen haben miteinander anders gesprochen. Ich glaube wirklich, das kommt daher, dass wir hart erarbeitet haben, dass wir anders miteinander umgehen wollen, dass wir wertschätzend, respektvoll und Ressourcen-orientiert mit den Kindern umgehen wollen. […]

Wir wollten ein neues Verständnis haben, wie wir mit Kindern umgehen, aber auch, wie wir miteinander umgehen. Und dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen.

Katharina Ehrenfried, Leiterin des Kindergartens an der Berlin Cosmopolitan School

Einer unserer Punkte heißt lebenslanges Lernen. […] Deshalb war ein Teil der Kommunikationsschulung, dass wir unser Lernen verbal begleiten. Gezeigt hat sich das zum Beispiel nach einem Gespräch im Team: "Weißt du noch, als wir uns vor einem halben Jahr getroffen haben? Da sind wir, glaube ich, sehr unzufrieden aus dem Gespräch gegangen. Heute haben wir ähnlich konfliktbehaftete Dinge besprochen, aber ich fühle mich von dir total wahrgenommen. Wie fühlst du dich denn?" - "Ja, für mich auch. Wir haben zwar immer noch unterschiedliche Meinungen, aber ich fühle mich auch ganz anders wahrgenommen."

Und dann kann man auch mal aus so einem eher Konflikt behafteten Gespräch rausgehen und trotzdem haben alle ihre Würde behalten und es ist für alle okay. Und alle haben Feierabend und es ist okay. Man kann damit abschließen. Das ist auf ganz vielen verschiedenen Ebenen passiert.

Wir wollen ja, dass es uns bei der Arbeit gut geht. Wir wollten ein neues Verständnis haben, wie wir mit Kindern umgehen, aber auch, wie wir miteinander umgehen. Und dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Wir wiederholen den Prozess immer wieder und wieder: Hat sich was verändert? Ist es noch so oder müssen wir da ein bisschen was dran ändern miteinander? Es ist also nicht abgeschlossen. Aber man hat nach einem halben Jahr zum ersten Mal gemerkt: Hier ändert sich was. […] Man muss viel investieren, bevor man eine Selbstwirksamkeit erfährt und sagt: Okay, wir sind doch auf dem richtigen Weg! Es ändert sich was!

Sprechtext Rike Tiefenbacher: Vielleicht ändert sich bei Euch auch schon was?! Und idealerweise auch nicht nur bei den Kindern, sondern im gesamten Team. Wir drücken euch auf jeden Fall die Daumen, dass es weiter gut läuft und hoffen, dass ihr dieses Interview und diesen Auszug genauso inspirierend fandet wie wir.

Portrait von Jasmin Hihat
Autor/in: Jasmin Hihat

Als Referentin Kommunikation verantworte ich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von zwei sehr unterschiedlichen Stiftungsprojekten. Das gibt mir die wunderbare Möglichkeit, mich thematisch sowohl mit der Kitaqualitätsentwicklung in Deutschland zu beschäftigen, als auch die Innovationskraft von ko-kreativem Arbeiten im Grundschulkontext zu erleben. Privat tanze ich gerne Swing, singe und moderiere auf Cabaret-Shows und entspanne mich auf Mini-Roadtrips.

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