Frühe MINT-Bildung Down Under

Ranger zeigt Kindern eine Pythonschlange
© pixabay
Kita-Kinder lernen die Tiere Australiens kennen

Kleine Forscher und Forscherinnen gibt es überall auf der Welt. In Australien engagiert sich eine Partnerinitiative der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" bereits seit acht Jahren für eine gute frühe MINT-Bildung der Drei- bis Sechsjährigen im Land: Die "Little Scientists Australia". Wie sich das Bildungsprogramm Down Under von dem in Deutschland unterscheidet und wie wichtig MINT-Bildung dort ist, erzählt Heike Hendershot, National Training Manager der "Little Scientists", im Interview.

Bedeutung früher MINT-Bildung gewachsen

Heike, die australische Regierung hat 2020 einer Folgefinanzierung der "Little Scientists Australia" um weitere fünf Jahre zugestimmt. Welchen Stellenwert hat frühe MINT-Bildung in Australien beziehungsweise im australischen Bildungssystem?

Die Wahrnehmung von früher Bildung, insbesondere MINT-Bildung, ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Unser Team war 2014 für "Little Scientists Australia" auf der ersten nationalen Konferenz für frühe Bildung, der Early Childhood Australia, mit einem kleinen Stand vertreten. Wir fragten die Besucherinnen und Besucher "Do you like STEM*?" (also: "Mögen Sie MINT?") Damals wussten die wenigsten damit etwas anzufangen. Seitdem besuchten wir die Konferenz jedes Jahr und inzwischen kennen und interessieren sich die Menschen für frühe MINT-Bildung.

In Australien hat sich das Verständnis durchgesetzt, dass Kinder kompetenter sind, als lange Zeit angenommen, und dass Kitas auch Bildungsorte sind, in denen Kinder früh gefördert werden müssen. Die australische Regierung unter Premierminister Malcolm Turnbull investierte 2016 beispielsweise schon einmal in unsere und andere MINT-Initiativen, mit dem damaligen Ziel, den Fachkräftenachwuchs zu sichern – ähnlich wie es in Deutschland passiert. Wir sind sehr froh darüber, dass auch die aktuelle Regierung unser Programm für frühe MINT-Bildung weiterhin finanziert.

Wie werden die pädagogischen Fachkräfte im Fortbildungsprogramm der "Little Scientists Australia" an die MINT-Fächer herangeführt?

Heike Hendershot
© Little Scientists Australia
Heike Hendershot, "National Training Manager"

Unsere Initiative vertritt den Ansatz "STEM is everywhere" – MINT ist überall. Das heißt, im Alltag bieten sich überall Möglichkeiten, um MINT zu entdecken. Genau dafür schulen wir die Augen der pädagogischen Fachkräfte in unseren Fortbildungen. Wenn ich etwa auf meine Tasse blicke, fallen mir gleich mehrere Fragen ein, denen man mit den Kindern nachgehen könnte: "Wie wird der Tee am schnellsten heiß oder kalt?" "Wie bestimme ich die richtige Wassermenge?"

Es geht uns nicht in erster Linie darum, Kindern Fachwissen zu vermitteln. Vielmehr soll die kindliche Neugier gefördert werden. Kinder sollen sich wundern, Fragen stellen, eigene Erfahrungen machen, Schlüsse ziehen und sich so Schritt für Schritt an die wissenschaftliche Antwort herantasten. Wir regen die Erzieherinnen und Erzieher dazu an, selbst zu überlegen, wo MINT drin stecken könnte. Zum Beispiel mithilfe von Bildkarten oder konkreten Fragen, wie: "Wie sähe dieser Raum aus, wenn es keine Mathematik gäbe?" Die Fachkräfte sind meist sehr erleichtert, wenn sie merken, dass sie ganz ohne Vorkenntnisse mit den Kindern die MINT-Themen entdecken können.

Der pädagogische Ansatz von "Little Scientists Australia" beruht auf dem Prinzip des "inquiry-based learning" (etwa: forschendes Lernen). Erklärst du uns an einem Beispiel, wie eine gute Lernbegleitung gemeinsam mit den Kindern die MINT-Themen erforscht?

Eine gute Lernbegleitung wendet eine ganze Reihe von Methoden an. Je nach Kind oder Situation entscheidet sie, was gerade richtig ist im Umgang mit dem Kind: "Unterstütze oder begleite ich das Kind jetzt nur?  Mache ich Vorschläge oder halte ich mich zurück und beobachte? Forsche ich begeistert mit?" – Erfahrene Erzieherinnen oder Erzieher entwickeln ein Gespür dafür, welche Rolle angemessen ist. Dabei ist es wichtig, sich die Zeit zu nehmen, die Kinder kennenzulernen, feinfühlig zu sein und auf ihre Signale zu achten.

Ich denke da zum Beispiel an eine Kita, in der eine Geschichte über eine fliegende Ratte** die Kinder zu der Frage inspirierte: "Können wir Menschen eigentlich fliegen?" Statt den Kindern eine Antwort zu geben, sagte die Erzieherin: "Lasst es uns ausprobieren!" Und schon starteten die Kinder allerlei Versuche, breiteten die Arme aus, machten Sprünge. Sie vermuteten, dass leichte Dinge besser fliegen und bestimmten mit einer Waage das leichteste Kind. Als das nicht klappte, versuchten sie es mit einer Puppe. Die Erzieherin begleitete die Kinder zunächst nur und lies sie ihren Fragen nachgehen. Eines Tages brachte sie dann einen Helium-Ballon mit in die Gruppe und als die Kinder die Puppe an den Ballon banden, flog sie. Die Kinder hatten somit ein positives Erlebnis und dazu auch etwas aus dem Bereich der Naturwissenschaften gelernt.

Unser Ziel ist, dass alle Kinder in Australien gleichermaßen Zugang zu den MINT-Themen erhalten. Und dass die Fachkräfte – egal wo – entsprechend qualifiziert werden.

Heike Hendershot

(Online-)Zugang zu MINT-Fortbildungen wird ausgebaut

Eure Fortbildungen werden, ähnlich wie beim "Haus der kleinen Forscher", von mehreren regionalen Netzwerkpartnern in die Fläche getragen. Wie würdest du die Nachfrage eurer Workshops bewerten und haben alle pädagogischen Fachkräfte gleichermaßen Zugang zu diesen?

Die Verbreitung unserer Fortbildungsangebote wird bestimmt durch die Frage "Haben wir Netzwerkpartner vor Ort?". In einem Land wie Australien gibt es sehr große Distanzen und dramatisch längere Fahrzeiten. Einrichtungen und Fortbildungsanbieter sind oft kilometerweit voneinander entfernt, gerade in ländlichen Regionen. Die meisten unserer Partnernetzwerke befinden sich in Ballungsräumen. Dank einer Zusammenarbeit mit den Ministerien der Staaten Northern Territory und Western Australia bieten wir vereinzelt auch in ländlichen Gegenden unsere Workshops an.

Als Reaktion auf die Pandemie arbeiten wir vermehrt an der Entwicklung von Online-Angeboten und haben somit die Möglichkeit, auch abgelegene Einrichtungen zu erreichen. Langfristig würden wir aber gern verstärkt Präsenzfortbildungen in schwer erreichbare Gegenden bringen. Diese sind unser Herzstück. Unser Ziel ist, dass alle Kinder in Australien gleichermaßen Zugang zu den MINT-Themen erhalten. Und dass die Fachkräfte – egal wo – entsprechend qualifiziert werden.

Die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" bietet jüngst neue Fortbildungen an zum Thema "Konsum umdenken". Dabei steht Nachhaltigkeit im Fokus. Inwieweit spielt "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (BNE) auch bei "Little Scientists Australia" eine Rolle?

Bildung für nachhaltige Entwicklung ist bei uns kein alleinstehendes Thema, fließt aber stark in die einzelnen Workshops mit ein. Im Online-Webinar STEM Hour thematisieren wir beispielweise Klimawandel oder Artenschutz. Unseren Trainerinnen und Trainern liegt Nachhaltigkeit sehr am Herzen. Und auch die Teilnehmenden unserer Workshops legen großen Wert auf nachhaltige Materialien oder die Vermeidung von Plastik beim Forschen mit den Kindern.

In den Kitas lässt sich ein Trend beobachten zu Themen rund um Tiere und Artenschutz. Ähnlich zum "Forschergeist"-Wettbewerb in Deutschland gibt es in Australien den Early STEM-Award. Viele der eingereichten Projekte haben mit Nachhaltigkeit zu tun. Etwa das Gewinnerprojekt Thirsty Koala (Durstiger Koala). Hier erforschten die Kinder einer Kita, wie sie den vertrockneten Eukalyptusbäumen ihre Blätter zurückgeben könnten, über die die Koalas ihren Wasserbedarf decken. Im Bildungssektor spielt BNE eine große Rolle.

Was steht in diesem Jahr auf dem Programm der "Little Scientists Australia", worauf sich Australiens Pädagoginnen und Pädagogen freuen dürfen?

Zunächst konzentrieren wir uns darauf, unsere Präsenzworkshops wieder anlaufen zu lassen. Die Corona-Pandemie beschäftigt uns nach wie vor. Viele unserer Netzwerkpartner mussten ihre Fortbildungen stoppen, die Teams verkleinern oder sogar ganz aufhören. Es hat uns alle hart getroffen. 

Ich freue mich aber schon sehr auf unsere kleineren Projekte, zum Beispiel die STEM Read-Alouds. Hier stellen unsere Teammitglieder monatlich ein Buch vor, in dem es auf den ersten Blick nicht um MINT geht, worin jedoch überraschend MINT zu finden ist. Dann bauen wir aktuell zwei Online-Workshops weiter aus. Auch dürfen wir unser Fortbildungsprogramm im September wieder auf der Early Childhood Australia vorstellen und wir sind, wie jedes Jahr, in die National Science Week involviert. Es geht also spannend weiter!

*Im Englischen wird "MINT" (kurz für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) häufig mit "STEM" (Science, Technology, Engineering, Mathematics) übersetzt.
**Das Buch heißt "
A rat in a stripy sock" von Frances Watts.

Mehr als 200.000 "Kleine Forscher" in Australien

The logo of the "Little Scientists"
© Little Scientists Australia

"Little Scientists" – eine Partnerinitiative der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" – wurde 2013 durch FRÖBEL nach Australien gebracht. Wie die Stiftung in Deutschland engagieren sich die "Little Scientists" für eine bessere Bildung von Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Seit der Gründung nahmen rund 7.000 Pädagoginnen und Pädagogen am Fortbildungsprogramm teil. Knapp 200.000 Kinder profitieren in Australien bereits von den Weiterbildungen ihrer Fachkräfte. 42 lokale Netzwerkpartner helfen der Initiative dabei, das Programm in die Fläche zu tragen.

Erfahren Sie mehr über internationale Partnerinitiativen vom "Haus der kleinen Forscher"

Portrait von Julia Oberthür
Autor/in: Julia Oberthür

Bildung für alle und Nachhaltigkeit – diese Themen gehören für mich unbedingt zusammen. Deshalb arbeite ich im "Haus der kleinen Forscher" aus Überzeugung. Als Referentin für Presse, Public Affairs und Digitale Kommunikation unterstütze ich unser Team dabei, ansprechende Texte und klare Botschaften für eine breite Öffentlichkeit zu formulieren. Ich schreibe auch hin und wieder privat, noch lieber widme ich mich aber der Musik, singe in einem Berliner Chor und spiele Gitarre.

Alle Artikel von Julia Oberthür
Kommentar schreiben