Geschlechterfragen: Vorständin und Vorstand

Der Vorstand Angelika Dinges und Michael Fritz
© Heidi Scherm/Stiftung Haus der kleinen Forscher
Vorständin Angelika Dinges und Vorstandsvorsitzender Michael Fritz

Gendergerechte Begriffe wie "Vorständin" klingen für den einen oder die andere gewöhnungsbedürftig. Dass die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" die weibliche Hälfte seines Führungsduos trotzdem so nennt, hat aber gute Gründe.

Seit Juli 2018 ist die Führungsspitze der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" mit einem gemischten Doppel besetzt. Angelika Dinges und Michael Fritz leiten seitdem gemeinsam die Geschäfte des Hauses. Das warf die Frage auf, wie denn das neue Vorstandsmitglied und das Leitungsgremium insgesamt zu bezeichnen seien.

Noch im Jahr 2013 hatten die Redakteure der Deutschen Presseagentur (dpa) und der FAZ Bauchschmerzen bei der Verwendung des Begriffes "Vorständin". Inzwischen steht die weibliche Form des Begriffs im Duden. Die Rechtschreibkorrektur der weltweit meistverbreiteten Textverarbeitungs-Software unterstreicht das Wort dennoch mit einer roten Wellenlinie. Deshalb sei an dieser Stelle eine Klärung erlaubt, warum unser Haus den Begriff der "Vorständin" verwendet.

Blicken wir zunächst auf die Zahlen: Der Frauenanteil in den Vorständen deutscher Unternehmen insgesamt liegt bei 22,6% und in den Vorständen von Unternehmen in der Größenordnung unserer Stiftung (101-500 Mitarbeiter) bei 12,1% (Quelle: Statista). Mit seiner geschlechterparitätisch besetzten Spitze gehört das "Haus der kleinen Forscher" also offensichtlich immer noch zu den Ausnahmen – oder positiv gewendet: zu den Vorreitern in Sachen Gleichstellung.

Sprachliche Vorbildwirkung

Das Kernanliegen der Stiftung ist es, Kindern forschende Zugänge zur MINT-Bildung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu ermöglichen. Die Bildungsforschung hat festgestellt: Interessieren sich Mädchen und Jungen im Kita-Alter noch ungefähr gleich intensiv für Phänomene aus Naturwissenschaften und Technik, sinkt die Beteiligung von Mädchen an entsprechenden Schul- und Studienfächern mit jedem Lebensjahr. Unter den Berufsanfängern in den MINT-Berufen gibt es nur wenige junge Frauen.

Über die Ursachen der unterschiedlichen Bildungsbeteiligung an MINT-Fächern ist sich die Forschung noch nicht ganz im Klaren. Eine Studie der FU Berlin hat aber gezeigt: Die Wahl des Geschlechtes bei Berufsbezeichnungen hat einen Einfluss darauf, ob sich Kinder vorstellen können, später einen bestimmten Beruf zu ergreifen. Zu vermuten steht also, dass sich mehr Mädchen und Frauen für MINT-Fächer interessieren, wenn sie im öffentlichen Leben auf Vorbilder in Gestalt von Ingenieurinnen, Programmiererinnen, Informatikerinnen, Feuerwehrfrauen etc. treffen, die sprachlich eben nicht im Windschatten ihrer männlichen Kollegen segeln.

Dabei gibt es sicherlich auch Zielkonflikte. So können z.B. Kriterien wie Sprachfluss, Prägnanz oder SEO-Anforderungen dem Wunsch nach geschlechtergerechter Sprache entgegenstehen. Man kann z.B. fragen, warum im Stiftungsnamen keine "Forscherinnen" vorkommen und kritisieren, dass dies noch nicht zufriedenstellend gelöst ist. Die Erklärung: Die Bezeichnung "Haus der kleinen Forscher" wurde bisher aus Gründen der Wiedererkennbarkeit und Kürze nicht verändert. Im Logo sind dafür bewusst sowohl ein Junge als auch ein Mädchen abgebildet; die Unterzeile der Wort-Bild-Marke ist mit dem Zusatz "Naturwissenschaften und Technik für Mädchen und Jungen" versehen.

Logo der Stiftung Haus der kleinen Forscher
© Logo der Stiftung Haus der kleinen Forscher
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Mehr Kreativität wagen!

Aus linguistischer Sicht ist die Verwendung des Begriffs "Vorständin" im Singular grundsätzlich unproblematisch, weil er einer einzelnen Person dasjenige grammatikalische Geschlecht zuweist, das ihrem biologischen Geschlecht entspricht. So gesehen, ist "Vorständin" sogar die korrekte Bezeichnung; und dass der Begriff zunächst sperrig klingen mag, ist nichts als eine Frage der Gewöhnung (vgl. den Artikel des Goethe-Instituts zum Thema). Wer es ganz genau nimmt, kann allenfalls den Gebrauch des Begriffs "Vorstand" kritisieren, denn dieser bezeichnet ja ursprünglich eine Institution und keine Person. Von diesem Ursprung hat sich die Sprachentwicklung offenbar so weit entfernt, dass auch der Duden den Begriff als Personenbezeichnung führt. Eine Genderfrage ist das jedoch nicht.

Schwieriger ist die Entscheidung für eine geschlechtersensible Formulierung, mit der beide Mitglieder des Leitungsgremiums der Stiftung bezeichnet werden sollen. Für den Sprachgebrauch der Stiftung empfehlen wir nach Prüfung der Alternativen, im Plural entweder das generische Maskulinum ("der Vorstand" oder auch "die Vorstände") oder die Verdoppelung ("der Vorstand und die Vorständin") zu wählen.

Bislang gibt es keine verbindliche Regelung, wie das Problem einer alle Geschlechter gleichberechtigt einbeziehenden Sprache zu lösen wäre. Selbst der "Rat für deutsche Rechtschreibung" will hier noch keine Empfehlung aussprechen, sondern die Sprachentwicklung vorerst nur beobachten. Als Kriterien definiert er, dass Gendersprache "verständlich und lesbar, vorlesbar, grammatisch korrekt, eindeutig und rechtssicher sowie übertragbar" sein solle. Weil nun aber noch niemand den Stein der Weisen gefunden hat, der diese Kriterien mit der Forderung nach sprachlicher Gleichberechtigung und Sprachästhetik versöhnen würde, bestehen in der Verwendung Spielräume, die jede/r nutzen mag, wie er/sie es für richtig hält.

Möglicherweise ist die Sprache auch nicht das wichtigste Feld der Auseinandersetzung um Genderfragen. Wenn wir aber mit einem kleinen "-in" oder der Formulierung "Mädchen und Jungen" zu mehr Gerechtigkeit beitragen können, formulieren wir gern gendersensibel. Darüber hinaus sollten wir uns vor allem um gleiche Teilhabechancen, gleiche Bildungsbeteiligung und gleiche Gehälter bemühen. Ob wir genug getan haben, wird sich künftig auch daran erweisen, ob es mehr Vorständinnen und mehr Doppelspitzen gibt als heute.

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Autor/in: Martin Schmucker

Als Referent für Presse und Public Affairs trage ich dazu bei, die Arbeit der Stiftung gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik sichtbar zu machen.

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