Wie wir forschen (3): Brigitte Netta, Kitaleiterin

Portraitfoto von Brigitte Netta
© Daniela Hottner
Brigitte Netta leitet zwei Kitas in Amberg. In ihrem neuen Kinderhaus "DigiMINTKids" geht es um Medienkompetenzbildung für Klein und Groß.

Ohne sie geht es nicht: die Erzieher/innen, Lehr- und Leitungskräfte aus Deutschlands Kitas, Horten und Grundschulen. In dieser Blogreihe erzählen sie, wie sie mit den Kindern jeden Tag die Welt entdecken. Im dritten Teil unserer Reihe sprechen wir mit Brigitte Netta. Die engagierte Kitaleiterin von zwei Amberger Kitas ist auch Netzwerkkoordinatorin und Trainerin für die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" beim Bündnis für Familie der Stadt Amberg. Und mitten in der Corona-Pandemie hat sie, trotz aller Herausforderungen, das neue Kinderhaus "DigiMINTKids" Amberg gestartet. Im Interview erzählt uns die 59-Jährige, wie sie dort Tablets, Bildrechte und Robotik mit den Jüngsten erforscht und an wen sie sich wendet, wenn sie selbst Fragen zu digitalen Medien hat.

Eine Kita der Zukunft

Frau Netta, was genau verbirgt sich hinter dem Namen "DigiMINTKids" und wodurch zeichnet sich Ihr neues Kinderhaus aus?

Kinder erkunden ihre digitale und analoge Umgebung und stellen dabei viele "DigiMINT"-Fragen. Durch einen alltagsintegrierten, spielerischen und kreativen Einsatz digitaler Medien können wir bereits in der frühen Bildung auf diese Frage eingehen. Das ist der Kern von "DigiMINTKids". Es ist ein Projekt mit Fokus auf die digitale (Medien)Bildung und die MINT-Bildung im Elementar- und Hortbereich. Das besondere hierbei ist unser Netzwerk, denn zum Projekt gehören neben dem Kinderhaus auch das Netzwerk Amberg-Weiden und der Netzwerkstandort "Haus der kleinen Forscher Amberg-Sulzbach", denen Experten und Expertinnen aus verschiedenen Institutionen angehören. Unsere neue Kindertageseinrichtung "DigiMINTKids" ist damit Teil einer Gesamtidee für innovative Vernetzung in unserer Region.

Gerade jetzt in der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig Vernetzung und digitale Medienkompetenzen sind. Nicht nur für Home-Schooling und Home-Offfice, sondern auch schon im Kindergartenalltag: Während der Notbetreuung nutzten wir bei den "DigiMINTKids" z.B. eine Videotelefonie-App, um mit anderen Kindern und Eltern virtuell im Austausch zu bleiben. Bei der Auswahl des digitalen Tools war uns der Datenschutz sehr wichtig. An dieser Stelle konnten wir uns an unser projektzugehöriges Netzwerk Amberg-Weiden wenden und bekamen hilfreiche Tipps dazu, welche App sich am besten für uns eignen würde.

Medienkompetenz und Bildrechte in der Kita

Warum finden Sie es wichtig, digitale Medien auch im Kita-Alltag zu integrieren?

Medienbildung ist kein neues Thema! Kinder werden in eine digitale Welt geboren. Ob es das Smartphone der Eltern ist, das für Telefonate mit Oma und Opa genutzt wird oder das Tablet für Spiele und Kinderserien – digitale Medien gehören zum Alltag der Kinder. Es geht meiner Meinung nach nicht um das ob, sondern um das wie. Unser Bildungsziel bei "DigiMINTKids"  ist deshalb der kompetente, d.h. der kritisch-reflektierte, kreative und sichere Umgang mit digitalen Medien. Uns geht es nicht um das passive Konsumieren von Medien. Die digitale Technik verstehen wir vielmehr als vielseitiges Kreativwerkzeug und als bedeutsamen Lerninhalt.

Gleichsam geht es uns auch um das Schaffen von Chancengerechtigkeit und um Kinderrechte in der digitalen Welt im Sinne der Europarat-Leitlinien. Sie sehen, Medienkompetenzbildung ist ein weites und wichtiges Feld und ich bin der Meinung, dass frühe DigiMINT-Bildungsprozesse die Kinder auch über MINT und Medien hinaus ganzheitlich in anderen Kompetenzen stärken.

Wenn ein Kind sich für seine "Schokoschnute" schämt, dann lernt es, seine Mama zu bitten, das Foto nicht an die Großeltern weiterzuleiten.

Brigitte Netta

Nehmen wir als Beispiel, das Recht der Kinder am eigenen Bild: Wenn wir in der Kita Kinderfotos in unseren sozialen Netzwerken posten, dann nutzen wir generell nur Bildausschnitte bzw. Fotos ohne erkennbare Gesichter und die Kinder müssen uns vorab die Fotos "freigeben", auf denen sie zu sehen sind. Wir werten die Bilder also erst gemeinsam aus. Bereits sehr junge Kinder zeigen uns, ob ihnen ein Bild von sich selbst gefällt oder nicht! Durch unsere Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit den Familien können wir auch bei den Eltern thematisieren, dass jedes Kind ein Recht am eigenen Bild hat. Wenn ein Kind sich für seine "Schokoschnute" schämt, dann lernt es, seine Mama zu bitten, das Foto nicht an die Großeltern weiterzuleiten.

Digitale Bildungswerkzeuge: Tablet, App und Roboter

Die Vielfalt an digitalen Medien ist groß und sie können unterschiedlich im pädagogischen Alltag eingesetzt werden. Welche Medien nutzen Sie mit den Kindern und wo kommen diese beim Entdecken und Forschen Ihrer Erfahrung nach am besten zum Einsatz?

In unserem Kinderhaus gibt es in verschiedenen Bereichen Medien selbst, die als Kreativwerkzeug unterschiedliche Anreize und Herausforderungen bereithalten, aber wir führen auch viele Gespräche mit den Kindern rund um Medien. Das Digitale soll ja nicht das Analoge ersetzen, sondern eines von vielen Materialien und Werkzeugen sein, die im Alltag unterschiedlich eingesetzt werden können. Hier einige Beispiele:

  • Tablets nutzen wir z.B. um
    • Alltagserlebnisse visuell und akustisch zu dokumentieren
    • Fotos zu bearbeiten, in neue Umgebungen einzufügen und Bilder-Geschichten zu erstellen
  • Roboter nutzen wir z.B., um
    • das Programmieren zu lernen
    • Strecken zu planen, Sachen zu sortieren und damit das Steuern auszuprobieren
  • Laptops nutzen wir z.B. um
    • andere Benutzeroberflächen und Tastaturen kennenzulernen
    • Recherchen in Kindersuchmaschinen durchzuführen
  • Apps nutzen wir z.B. um
    • virtuelle Meetings zwischen Einrichtungen und mit Eltern zu halten
    • mit den Kindern zu kommunizieren, die nicht in die Notbetreuung kommen
  • Mikrofone nutzen wir z.B. um
    • Interviews zu führen
    • Sprachmemos zu erstellen und die eigene Stimme zu hören

Die digitale und die MINT-Bildung sind zukunftsweisend und werden einen immer höheren Stellenwert in der Bildung einnehmen.

Brigitte Netta

Was empfehlen Sie anderen pädagogischen Fachkräften, die digitale Medien in der Kita einsetzen möchten?

Unser Medienkonzept für "DigiMINTKids" umfasst mehr als nur die Auswahl von Hard- und Software. Wichtigste Grundlage ist die Entwicklung einer gemeinsamen Haltung der Kita-Mitarbeiterenden zur Medienerziehung und -bildung der Kinder sowie das gemeinsame Erarbeiten von ersten Ideen für die Umsetzung. Auch die Eltern und weitere Familienmitglieder werden bei uns über aktive Bildungs- und Erziehungspartnerschaften bewusst miteinbezogen. Die Kinder brauchen kompetente Erwachsene, die ihre eigene Haltung, ihr eigenes Medienverhalten reflektieren und kontinuierlich weiterentwickeln. Grundlage guter Bildungsarbeit ist die Offenheit, Neugierde und Begeisterung am eigenen lebenslangen Lernen.

Wertvoll für Unterstützung und Ideenfindung sind auch andere Kitas oder regionale und überregionale Netzwerkpartner (z.B. Medienzentren). Als Beispiel möchte ich hier den bayerischen Modellversuch "Medienkompetenz in der Frühpädagogik stärken" anführen. In Amberg entwickelte sich ausgehend von unserer Initiative inzwischen eine Kooperation, u.a. mit zwei ehrenamtlichen Bildungspatinnen, einer Grundschule sowie einem Gymnasium, einem Partner aus der Erwachsenenbildung, der Ostbayerischen Hochschule Amberg-Weiden und mit verschiedenen Firmen. Einerseits erhalten die Partner dabei Einblicke in die frühkindliche Bildungsarbeit und andererseits bekommen wir wertvolle Unterstützung bei Herausforderungen. Gleichzeitig entstehen gemeinsame Ideen und Projekte. Wir haben nun z.B. einen Screen in einem unserer Fenster, der mit wechselnden Fotos über unsere Bildungsarbeit informiert. Dies ist das Ergebnis eines Ideenaustauschs in unserem Netzwerk.

In vielen Regionen in Deutschland gibt es ähnliche Strukturen und Bedingungen, die für die Netzwerkbildung genutzt werden sollten. Insbesondere deshalb, da die Bereiche digitale und MINT-Bildung zukunftsweisend sind und einen immer höheren Stellenwert in der Bildung einnehmen werden.

"Kleine Forscher-Steckbrief" von: Brigitte Netta, Kitaleiterin

© Daniela Hottner

Diese Fortbildung vom Haus der kleinen Forscher habe ich zuletzt besucht:
Technik - von hier nach da

Hier forsche ich am liebsten mit den Kindern:
Im Alltag – aus aktuellen Beobachtungen, Fragen oder Themen heraus

Schönste Forscherfrage eines Kindes:
Wie wird eine Brücke gebaut?

Spannendstes Forscherthema in meiner Einrichtung:
Jedes neue Thema (Frage, Idee, …)

So bilde ich mich am liebsten fort:
[ ] Online  [ ] bei mir vor Ort  [X] beides

Sie suchen nach weiteren Impulsen, wie Sie digitale Medien sinnvoll in Ihrem pädagogischen Alltag einsetzen können? Mehr Ideen finden Sie in unserem neuen Bildungsangebot "MINT geht digital"

Mehr zu "MINT geht digital"

Wie forschen Sie in Ihrer Einrichtung? Wir freuen uns immer über neue Geschichten.

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Autor/in: Anna Walther

Ich betreue die Online-Community in der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" und bin deshalb vor allem auf unserer digitalen Lernplattform und in den sozialen Medien unterwegs. Und wenn nicht dort, dann auf Radwegen, Märkten, bei Konzerten oder an einem schönen See.

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