Wie gelingt Organisationsentwicklung mit Förderprojekten?

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Staatlich geförderte Programme führen zu Veränderungen und bieten Anlässe zur Organisationsentwicklung.

Neue Gesetze, Bildungsprogramme und Evaluationstools sind angetreten, um die Qualität pädagogischer Arbeit zu verbessern. Was führt dazu, dass diese Veränderungen in der Praxis als positiv und nachhaltig erlebt werden? Im Rahmen des Online-Fachforums „Organisationsentwicklung“ haben vier Projekte aus Kita und Schule von ihren Erfahrungen berichtet.

Staatlich geförderte Projekte - Anlass für Veränderung

Gute pädagogische Qualität in Kita und Schule wird von den Teams gemacht, die dort begleiten, lehren und arbeiten. Die Voraussetzungen dafür werden aber von staatlicher Seite geschaffen. Wollen Bund und Länder zu besserer Qualität beitragen, dann legen sie häufig Programme oder Förderlinien auf. Solche staatlich geförderten Programme oder Projekte werden aus Sicht der Pädagoginnen und Pädagogen oft angeordnet, zum Beispiel vom Land, von der Kommune oder vom Kita-Träger. Manchmal werden sie auch ausgeschrieben und einzelne Kitas und Schulen können sich darauf bewerben.

Ein neues Programm kann im pädagogischen Team unter bestimmten Bedingungen Begeisterung auslösen. Häufig jedoch bewirkt es eher ein genervtes Seufzen im Team. Eigentlich ist man mit der alltäglichen Arbeit schon gut ausgelastet und nun soll auch noch dieses Programm dazu kommen. Aber ob es nun erfreut oder missmutig aufgenommen wird: Es kommt und wird Veränderungen mit sich bringen.

Im Fachforum Organisationsentwicklung haben sich Fachleute aus Wissenschaft und Praxis damit auseinandergesetzt, was dafür getan werden kann, damit ein Programm zu Verbesserungen führt.

Vier verschiedene Workshops aus den Bereichen Schul- und Kita-Entwicklung haben sich mit diesem Thema befasst:

  • QualiKita: Qualitätsentwicklung in Schweizer Kindertagesstätten (Marcel Fierz)
  • Lessons Learned?! - Sprach-Projekte und Programme als Impulsgeber für die OE in Kitas (Sarah Girlich)
  • OER bildungsbereichsübergreifend implementieren - geht das? Geht! (Martin Nestler)
  • Vom Schnittstellenmanagement zur Übergangsgestaltung – Die Organisation der Kooperation zwischen Schule und Kita (Prof. Dr. Hermann Veith, Brigitte Rössing)

Welche Vorteile bringen staatlich geförderte Programme?

Programme wirken dann gut, wenn die Mittelgeber den teilnehmenden Einrichtungen auch alle notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen.

Sarah Girlich von LakoS Sachsen hat einige Erfahrung damit, wie unterschiedliche Sprach-Projekte in Kitas umgesetzt werden können. Im Bundesprogramm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ erwies sich zum Beispiel die Begleitung der Teams als sehr hilfreich. Girlich erzählt: „Zusätzliche Fachberatung ist ein Motor für Kita-Entwicklung. Wir sehen, dass enorme Entwicklung möglich wird, wenn diese Unterstützung da ist. Konkret war hier eine Fachberatung für fünf bis 15 Einrichtungen zuständig, während Fachberatungen sonst oft deutlich über 100 Einrichtungen betreuen.“

Praktisch ist zudem eine eigene Service-Stelle, die die Kommunikation zwischen den Stakeholdern sichert und die Reflexion des Prozesses fördert. Diese ist besonders dann nützlich, wenn nicht nur Kitas und Schulen beteiligt sind, sondern zum Beispiel auch die politischen Auftraggeber, die das Programm ins Leben gerufen haben sowie Verantwortliche im Jugend- oder Schulamt, die den Prozess organisieren müssen.

Marcel Fierz weiß aber auch, dass manchmal auch die Ressourcen fehlen: „Kitas, die die Qualität ihrer Arbeit regelmäßig reflektieren, haben die Chance, insgesamt zu lernenden Organisationen zu werden. Unser Programm QualiKita gibt viele Hilfestellungen, darunter einen Qualitätsentwicklungsplan, den die Kitas kostenfrei nutzen können. Damit können Kitas ihre Qualität einschätzen und Maßnahmen zur Weiterentwicklung planen. Die Kitas müssen aber auch Motivation und Ressourcen für die Qualitätsentwicklung mitbringen, sonst wird das nichts.“

Bei Brigitte Rössing von der Deutschen Schulakademie wird am Beispiel der Zusammenarbeit zwischen Schule und Kita deutlich, wie wichtig ausreichende Ressourcen auf allen Seiten sind: „Ein gemeinsam gestalteter Übergang bietet viele Chancen. So kann ein Kind individueller unterstützt werden. Kita und Schule können am gemeinsamen Bildungsverständnis arbeiten. Erschwert wird die Zusammenarbeit allerdings durch geringe Deputate, also wöchentliche Arbeitszeiten: Das Land Baden-Württemberg kalkuliert eine Deputatsstunde für eine Lehrerin, die aber mit 15 Kitas zusammenarbeitet.“

Wer ein Programm zur Förderung von Qualität ins Leben ruft, sollte also nicht nur Anforderungen stellen, sondern auch gute Unterstützungsstrukturen schaffen. Ratsam ist dabei, zuerst zu analysieren, was die Umsetzung konkret in der Praxis auslösen würde und welcher Unterstützungsbedarf bei unterschiedlichen Ziel- und Personengruppen daraus entsteht.

Nur gemeinsam gelingt es

In den unterschiedlichen Workshops zu den Bereichen Schule und Kita wurde eine große Gemeinsamkeit deutlich: Das jeweilige Programm muss zur Einrichtung passen. Die Teilnehmenden des Fachforums waren sich einig, dass Qualitätsentwicklungsprogramme mit den Zielen der Einrichtungen und insbesondere der Fachkräfteteams in Einklang stehen sollten.

Sarah Girlich berichtet aus der Begleitung von Kita-Teams: „Kitas sind offen für Veränderung. Wir erleben jeden Tag Fachkräfte, die sich weiter qualifizieren wollen. Kita-Entwicklung hat jedoch Voraussetzungen. Veränderungsprozesse brauchen Zeit und in dieser Zeit sollte es wenige Wechsel beim Personal geben. Außerdem sollte die Einrichtung darauf achten, dass nicht viele Projekte gleichzeitig stattfinden und Überschneidungen mit anderen Projekten gut verknüpft werden. Manchmal wird zu viel gewollt. In einer Situation von Überforderung können auch die motiviertesten Fachkräfte kein gutes Projekt umsetzen.“

Impulsvortrag beim Fachforum "Organisationsentwicklung" des Forums KITA-Entwicklung

Die Erfahrungen aus allen vier Workshops zeigen: Die Programme gelingen besser, wenn die Einrichtungen sich aus eigenem Antrieb anschließen können. Denn dann ist es möglich, bei den Bedarfen der Einrichtung anzuknüpfen und eine gute Verbindung zur bisherigen und weiteren Arbeit zu schaffen. Die Teams sind motivierter, wenn sie sich für die Arbeit entschieden haben und gemeinsam den Verlauf bestimmen können.

Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Schul- oder Kita-Leitung zu. Sie muss Komplizin des Programms sein und sich dafür einsetzen, dass die Umsetzung gelingt. Gute Erfahrungen hat Sarah Girlich mit dem Qualifizierungsansatz im Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ gemacht: Die Leitung und eine Fachkraft nehmen gemeinsam an einer Fortbildung teil. So ist die Leitung stärker involviert und kann viel leichter die Umsetzung des Programms mit dem Kita-Alltag vereinbaren.

Martin Nestler hat außerdem gute Erfahrungen damit gemacht, weitere Verbündete in anderen organisationalen Rollen als Schlüsselpersonen zu finden und zu unterstützen. In seinem Projekt zur Verwendung von OER in verschiedenen Bildungsbereichen ging es unter anderem darum, dass Lehrerinnen und Lehrer selbst „offene“, also mit einer speziellen Lizenz frei verfügbare, Materialien erstellen und sie mit anderen teilen. Wenn ein am Thema interessierter Lehrer die Rückendeckung der Schulleiterin hat, kann er mit ihr gemeinsam das Thema voran bringen und die Kolleginnen und Kollegen dafür begeistern. Er zeigt ihnen, was er selbst erarbeitet oder im Internet gefunden hat und gibt Tipps, wie man offene Materialien für den Unterricht schnell finden und verwenden kann.

Das Problem der Nachhaltigkeit

Was passiert, wenn das Programm oder der Förderzeitraum vorbei ist? Die Unterstützungsstrukturen werden dann häufig wieder abgebaut und es wird davon ausgegangen, dass die Einrichtung aus eigenen Kräften weiter macht. Wenn das Programm gut umgesetzt wurde, hat sich sicher auch einiges nachhaltig verändert.

Im Falle der offenen Materialien aus Martin Nestlers Projekt ist dennoch zu befürchten, dass die Materialien nach dem Ende des Förderzeitraums seltener aktualisiert und neu gestaltet werden. Ohne die unterstützende und vernetzende Förderstruktur könnte es passieren, dass das Thema nicht Teil der Organisation wird, sondern sich nur noch die motiviertesten Lehrerinnen und Lehrer weiterhin treffen und das Thema vorantreiben.

Das LakoS in Sachsen hingegen verkörpert die Nachhaltigkeit von Projekten geradezu, insbesondere mit dem Fokus auf sprachliche Bildung. Es nimmt Erfahrungen aus verschiedenen Projekten auf und unterstützt weiterhin Kitas in der Entwicklung zum Thema der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung, zum Beispiel durch Materialien, Fortbildungen und Vernetzungsangebote. Allerdings handelt es sich auch beim LakoS um ein zeitlich begrenztes Projekt.

Nachhaltigkeit hat oft mit der Veränderung oder Schaffung von Strukturen zu tun. Frau Rössing und Herr Prof. Dr. Veith haben sich mit dem Thema des Übergangs von Kindern aus der Kita zur Schule beschäftigt und dabei eine Vision entwickelt: Ein Bildungshaus, in dem „alles unter einem Dach“ ist. Und das ist nicht nur örtlich zu verstehen. Auch strukturell können die Bereiche Kita und Schule zusammenwachsen. Kita ist ja Teil der Jugendhilfe, während Schule von der Kultusministerkonferenz gesteuert wird. Eine zukünftige gemeinsame Struktur könnte die Zusammenarbeit erleichtern.

Fazit

Programme können Treiber für Kita- und Schulentwicklung sein. Sie können nach außen Aufmerksamkeit und nach innen Verbindlichkeit erzeugen und sie stoßen Entwicklungen an, die sich auf die ganze Organisation übertragen können.

Unter bestimmten Voraussetzungen könnten Programme  die Qualitätsentwicklung jedoch noch besser anstoßen. Im Rahmen des Fachforums „Organisationsentwicklung“ wurden diese Erfolgsfaktoren deutlich:

  • eine begleitende Unterstützung
  • der Einbezug der jeweiligen Situation der Einrichtung, sowie aller Beteiligten
  • die Schaffung von Strukturen für das nachhaltige Wirken.

Im Bereich der Kita-Entwicklung ist im Moment viel in Bewegung. Wir sind gespannt auf gute neue Ideen und Weiterentwicklung.

Portrait von Eva Weyer
Autor/in: Eva Weyer

Für mich ist forschendes und entdeckendes Lernen eine Leidenschaft. Seit meinem Studium der Pädagogik beschäftige ich mich damit, wie man institutionalisiertes Lernen besser machen kann – spannender, anwendbarer und mit gleichen Chancen für alle. Ich forsche und lerne selbst gerne und deswegen passt die Arbeit in der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" gut zu mir. Im Team Forschung und Entwicklung bin ich für den Austausch mit Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis zuständig.

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