Wie fühlt es sich an, unter dem Erdboden zu leben?

Selbstporträt von Matthias Rillig. Er trägt kurze, Blonde Haare, einen kurzen Bart, eine eckige randlose Brille und ein kariertes Hemd.
© privat
Nur der Bruchteil der Erdoberfläche ist mit etwas Lebendigem besiedelt.

Matthias Rillig ist Professor für Ökologie an der Freien Universität Berlin, wo er und sein Team zum Thema Bodenbiodiversität und globaler Wandel forschen. Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse: Je stärker der Mensch eingreift, umso stärker leidet die Vielfalt der Lebewesen im Boden.

Sie forschen sehr viel zum Thema Boden. Welch faszinierendes Wissen über das Erdreich sollte jedes Kind haben?

Boden hat eine riesige interne Oberfläche, d. h., dass es dort ganz viel Lebensraum gibt. Dort krabbeln und bewegen sich unglaublich viele Lebewesen, es wimmelt über-, neben- und untereinander. In einem Gramm Boden sind 100 Millionen Bakterien. Im Gegensatz dazu ist auf der Oberfläche der Erde nur der Bruchteil eines Prozents mit etwas Lebendigem besiedelt. So viel Lebendiges unter der Erde ist unfassbar.

Wenn ich mir vorstelle, ich wäre ein Bodenlebewesen, z. B. ein Springschwanz: Wie fühlt es sich an, unter dem Erdboden zu leben?

Das kann man sich ungefähr so vorstellen: Um einen herum pulsiert das Leben. Es ist immer dunkel. Es ist ganz feucht und es gibt ein Wirrwarr von Poren. Wer jetzt meint, es wäre dort ganz ruhig, muss ein wenig die Fantasie ankurbeln und umdenken. Die Kommunikation unter der Erde läuft vorwiegend chemisch ab, d. h. durch den Austausch von Molekülen zwischen verschiedenen Organismen, nicht durch Sehen oder Hören. Und je nachdem, wie weit man von der Erdoberfläche entfernt ist, gibt es immer wieder Geräusche und Vibrationen von oben: Da wird gebohrt, gelaufen, Autos brettern über den Asphalt oder ein Kind dribbelt mit einem Ball über den Schulhof. Das kann der Springschwanz vermutlich alles wahrnehmen.

Schicht um Schicht

Woher kommt der Erdboden eigentlich?

Boden entsteht durch Verwitterung von Gestein, den Überresten von Bodenlebewesen und organischem Material, das hauptsächlich von den Pflanzen kommt: Indem die eigentlich feste und dichte Gesteinsschicht brüchig wird, entsteht Raum für Lebewesen, die sich dort ansiedeln. Nach und nach entwickelt sich – in Verbindung mit den sich lösenden Substanzen aus den Steinen – etwas Neues, Schicht um Schicht. Das ist ein stetiger Prozess, der sehr wichtig und wertvoll ist, aber auch sehr lange dauert.

Welche Bedeutung hat das Erdreich für das Leben auf der Erde?Der Boden ist sehr entscheidend für das Klima, denn der Kohlenstoff, der im Boden als organische Substanz gebunden ist, trägt im Gegensatz zum CO2 in der Atmosphäre nicht zur Erwärmung bei. Deshalb ist es so wichtig, darauf zu achten, dass man für das Beet im Garten keine Erde kauft, die Torf enthält. In den Torfmooren wird ganz viel CO2 gespeichert – und da sollte es auch bleiben. Für uns Menschen ist der Erdboden die Grundlage für unsere Ernährung. Auf einem gesunden Boden wachsen gesunde Pflanzen. Auf einem kranken Boden wächst nichts oder es wächst nur schlecht. Ganz fatal ist es für uns Menschen, wenn Gifte aus dem Boden in die Pflanzen gelangen, die wir dann zu uns nehmen.

Die Vielfalt leidet

Durch Dürre und Wassermangel werden Böden immer weniger nutzbar, Monokulturen mit fehlenden Fruchtfolgen schaden ihnen, mehr und mehr Flächen werden versiegelt und Ackerboden oftmals überdüngt. Welchen Einfluss hat der Mensch auf die Qualität des Erdreichs?

Leider oft keinen positiven. Es gibt ganz viele synthetische organische Stoffe im Boden. Dazu zählen z. B. verschiedene Pestizide oder etwa Mikroplastik. Der landwirtschaftliche Boden wird auch oft durch zu starke Bearbeitung gestört, etwa intensives Pflügen, Versalzung und Bodenverdichtung durch schwere Maschinen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Forschung ist: Je mehr Dinge auf den Boden einwirken, desto mehr leidet die Vielfalt an Lebewesen und umso weniger gut kann dieser funktionieren.

Gibt es etwas, das wir tun können, um das Erdreich mehr zu schützen?

Wir können alle etwas tun! Ein wichtiger Schritt ist es, das Interesse am Thema Boden zu vergrößern und ein Verständnis für diesen einzigartigen Lebensraum zu entwickeln. Das Erdreich ist ja für unsere Sinne etwas schwer zugänglich, aber ich würde sagen: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Und dann sind da noch ganz viele ganz praktische Dinge, die wir tun können, um den Erdboden zu schützen: Z. B. sollten wir keinen Müll in die Landschaft werfen, Plastik reduzieren, unseren Abfall recyceln. Wir sollten keine Pestizide verwenden und auch mal eine kleinere oder größere Fläche sich selbst überlassen. Es ist spannend, zu beobachten, was dann passiert.

Portrait von Mareike Mittelbach
Autor/in: Mareike Mittelbach

Ich bin Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in den Netzwerken bei der Stiftung "Haus der kleinen Forscher". Mein Lieblingsnetzwerk – das ganze große "Haus der kleinen Forscher" - verbindet Menschen mit einer großartigen pädagogischen Sicht auf die Kinder und die Welt. Ich bin ein riesiger Fan jedes begeisterten Pädagogen und jeder begeisterten Pädagogin und liebe es, all ihre spannenden Geschichten von Forschungs- und Entdeckungsreisen, großen und kleinen Erkenntnissen zu erzählen.

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