BNE in der Kita: Weniger "Höher, Schneller, Weiter"

Zwei Mädchen, ein Junge und eine Erzieherin sitzen am Tisch und reden.
© Christoph Wehrer/ Stiftung Haus der kleinen Forscher
Entdecken und Forschen gehört zur BNE dazu.

Frank Jansen ist Geschäftsführer des Verbands Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) – Bundesverband. Außerdem engagiert er sich als Vorsitzender im Forum "Frühkindliche Bildung" der Nationalen Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung. Über die Hürden und Chancen, Nachhaltigkeit als Leitprinzip in Kitas zu integrieren, erzählt er im Interview.

Herr Jansen, als wie nachhaltig empfinden Sie Ihre eigene Lebensweise?

Porträtbild von Frank Jansen
© Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) – Bundesverband
Frank Jansen

In meiner Arbeit für den KTK-Bundesverband bin ich ständig auf Reisen, wenn keine Pandemie ist. Ich nutze dafür ausschließlich öffentliche  Verkehrsmittel. Früher bin ich öfter inländisch geflogen, wenn zwei Termine zu eng getaktet waren. Das würde ich heute nicht mehr machen. Ich wurde zu Wirtschaftswunderzeiten geboren und bin Teil einer Generation, die einerseits nicht nachhaltige Verhaltensweisen normalisiert hat. Andererseits engagiere ich mich heute, als  Vorsitzender des Fachforums "Frühkindliche Bildung", dafür, dass das von den Vereinten Nationen erhobene Leitprinzip der Nachhaltigkeit konzeptionell und strukturell im Kita-Bereich verankert wird. Ich bin davon überzeugt, dass das der wirksamste Beitrag zur Nachhaltigkeit ist, den ich derzeit leisten kann.

Mich fasziniert am Thema "Bildung für nachhaltige Entwicklung", wie es alles mit allem verknüpft.

Frank Jansen

Wie können pädagogische Fachkräfte Kita-Kinder dazu bewegen, nachhaltig zu handeln?

Die meisten Kinder treffen Entscheidungen, die mit dem Ziel der Nachhaltigkeit vereinbar sind. Überkonsum ist, wo er vorkommt, eher ein Thema der Eltern. Kinder können sich wunderbar mit dem beschäftigen, was vor ihrer Nase liegt. Spiel und Gestaltung sollten daher vielfältige Materialien einbeziehen – auch solche, die von Erwachsenen weggeworfen würden.

Es geht dabei viel um die Gestaltungskompetenz der Jugendlichen und Erwachsenen, die später aus ihnen werden. Da sehe ich zwei Ansatzpunkte für unsere Einrichtungen: Erstens sollten sie der Neugier der Kinder folgend den Kreisläufen nachgehen, die unsere Lebensgrundlage ausmachen. Diese Neugier lässt sich weiter fördern, etwa durch Naturerfahrungen  oder Projekte mit Nachhaltigkeitsbezug im Alltag: Was passiert mit unserem Müll? Woher kommt unser Essen?

Zweitens entwickeln nahezu alle Kinder altersbedingt eine Faszination für das Große und Laute. Solange sich eine Baustelle mit Bagger und Kran in Sichtweite einer Einrichtung befindet, braucht es kein anderes Exkursionsziel. Ich finde es wichtig, Kinder dabei zu begleiten, einen Sinn dafür zu entwickeln, Befriedigung auch im Kleinen, im Leisen,  im Langsamen zu finden und nicht nur im Höher, Schneller, Weiter.

Bildung für nachhaltige Entwicklung soll bis 2030 fest in der frühen Bildung verankert sein – laut dem UNESCO-Weltaktionsprogramm. Wo begegnen Ihnen aus Trägersicht aktuell die größten Herausforderungen bei der Umsetzung?

Gerade in der frühen Bildung kommt es darauf an, dass Bildungsinhalte und das eigene Verhalten zusammenpassen. Die  größten Herausforderungen sind die Rahmenbedingungen, die das eigene nachhaltige Handeln erschweren. Was sollen Kinder denken, wenn sie von klein auf über nachhaltiges Verhalten Bescheid wissen, aber das Mittagessen des einzigen bezahlbaren Caterers auf Rindfleisch und Fischstäbchen aus Alaska-Seelachs basiert?  Wenn bei einem Neubau statt nachhaltiger Materialien Beton benutzt wird? Ich habe den Eindruck, dass die freien Träger – in unserem  Fall die  Kirchengemeinden und kirchlichen Institutionen – da im Bewusstsein oft schon weiter sind. In unserem Qualitätsentwicklungsinstrument, dem KTK-Gütesiegel Bundesrahmenhandbuch, ist Bildung für nachhaltige Entwicklung als  Querschnittsthema verankert. Aber um in der ganzen Breite der frühen Bildung Wirksamkeit zu entfalten, muss die öffentliche Hand ebenso ein solches Verständnis haben und die notwendigen Ressourcen bereitstehen

Im Kita-Alter beginnen Kinder, über sich nachzudenken – aber eben auch über sich in Bezug auf andere, auf ihre Umwelt.

Frank Jansen

Wo liegen die Chancen?

Mich fasziniert am Thema "Bildung für nachhaltige Entwicklung", wie es alles mit allem verknüpft. Ich glaube, darin liegt die große Chance auch für die Kindertagesbetreuung. Wenn wir wirklich versuchen, dieses Thema zu verankern, kommen wir gar nicht umhin, auch viele grundlegende Fragen zu stellen: Was ist uns wirklich wichtig? Wie wollen wir miteinander umgehen? Was können wir miteinander erreichen? Im Kita-Alter beginnen Kinder, über sich nachzudenken – aber eben auch über sich in Bezug auf andere, auf ihre Umwelt. Das Sozialgesetzbuch, genauer das SGB VIII, spricht von der "eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit". Bildung für nachhaltige Entwicklung lädt dazu ein, diese Gemeinschaftsfähigkeit auch global und in die Zukunft zu denken.

Wie sähe für Sie eine beispielhafte Kita aus, in der Bildung für nachhaltige Entwicklung fest integriert ist?

Eine solche Kita setzt nicht nur auf ökologische Aspekte, sondern hat auch die Beteiligung der Kinder an allen Entscheidungen institutionell und selbstverständlich verankert. Die Bedürfnisse und Interessen aller sind bei der Gestaltung des Alltags und langfristiger Entwicklungen berücksichtigt. Das Mensch-Natur-Verhältnis ist für eine solche Einrichtung ein wichtiges Bildungsthema – je nach Lage und räumlichen Möglichkeiten sicherlich in unterschiedlicher Form. Außerdem verantworten die Kinder den Erhalt des Ganzen mit: Sie beteiligen sich z. B. an der Pflege des Außengeländes oder an Reparaturen.

Portrait von Julia Oberthür
Autor/in: Julia Oberthür

Bildung für alle und Nachhaltigkeit – diese Themen gehören für mich unbedingt zusammen. Deshalb arbeite ich im "Haus der kleinen Forscher" aus Überzeugung. Als Referentin für Presse, Public Affairs und Digitale Kommunikation unterstütze ich unser Team dabei, ansprechende Texte und klare Botschaften für eine breite Öffentlichkeit zu formulieren. Ich schreibe auch hin und wieder privat, noch lieber widme ich mich aber der Musik, singe in einem Berliner Chor und spiele Gitarre.

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