Ukrainekrieg: "Kinder müssen fragen dürfen"

© privat/Friedensschule
Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule in Gmünd solidarisieren sich mit den Kindern in der Ukraine und bilden das Friedenssymbol

Die Nachrichten über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine beunruhigen nicht nur Erwachsene. Auch Kinder bekommen die Entwicklungen in Osteuropa mit – sei es durch Gespräche der Eltern, Kindermedien, das Internet oder durch andere Kinder. Klar, dass auch sie sich Sorgen machen. Wie wird damit im Kitaalltag oder in der Schule umgegangen? Sprechen die Pädagoginnen und Pädagogen über den Ukrainekrieg und wenn ja, wie? Ein Lagebericht aus drei Einrichtungen.

Der Überfall am 24. Februar auf die Ukraine bewegte die Mädchen und Jungen der Friedensschule in Schwäbisch Gmünd. Viele Schülerinnen und Schüler hatten Angst, dass es auch in Deutschland einen Krieg geben könnte. Vor allem die jüngeren Kinder sorgten sich sehr darum, dass es den Kindern in der Ukraine gut geht. "Sie alle hatten ein großes Bedürfnis, sich mit den Menschen in der Ukraine zu solidarisieren", berichtet die Leiterin der Schule Daniela Maschka-Dengler.

So nahm es die Friedensschule kurzerhand zum Anlass, eine Woche nach dem Ukraineangriff alle Schulklassen auf dem Sportplatz zu versammeln und gemeinsam der Kinder zu gedenken, die gerade irgendwo auf der Welt Krieg erleben. "Unser Plädoyer an diesem Tag lautete 'Frieden für alle Kinder auf Erden'", so die Rektorin "und das setzten wir am Beispiel der Ukraine um. Wir bildeten zusammen das Friedenssymbol, legten eine Gedenkminute ein und ließen dann Luftballons mit unserem Logo – einer Friedenstaube – in die Luft steigen", erzählt sie. Gleichzeitig gab diese Aktion den Auftakt für den Einstieg in das Thema Ukrainekrieg, welches seither in allen Klassen der Gemeinschaftsschule behandelt wird.

Kinder mit ihren Ängsten nicht allein lassen

Wie aber geht man gerade gegenüber jüngeren Kindern mit solch einem sensiblen Thema um? Dr. Udo Baer, Diplom-Pädagoge und Therapeut rät dazu in einer digitalen Veranstaltung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung: "Holen Sie die Kinder bei ihren Erfahrungen ab und nutzen Sie einfache Beispiele. Wir sagen den Kindern ja, dass sie Konflikte ohne Gewalt lösen sollen. Aber manchmal wollen manche Menschen unbedingt über andere bestimmen und sich durchsetzen. Und dann kann es Krieg geben." Wichtig sei, die Kinder mit ihren Ängsten nicht allein zu lassen. Dabei helfe auch, das "große UND" hinzuzufügen, also: "Ja, es gibt Krieg und das ist schlimm UND ganz viele Menschen und Länder sind dagegen und tun sich zusammen und schützen uns."

Ich muss die Ängste ernst nehmen und helfen, damit umzugehen. Das lässt sich gut erreichen, indem man Ängste ins Handeln umsetzt.

Daniela Maschka-Dengler, Schulleitung

In den ersten zwei Lebensjahren solle man laut Dr. Udo Baer jedoch nicht über den Krieg reden, "weil die Kinder das nicht einordnen können". Auch sollten die Kinder im Vorschulalter noch keinen Zugang zu den aktuellen Medien haben, und: "Im Grundschulalter nur Kinderfernsehen mit den dortigen Nachrichten, z. B. LOGO!", empfiehlt der Experte. Ähnlich setzt Daniela Maschka-Dengler an ihrer Schule auf eine altersgerechte Herangehensweise: "Ein Kind unter 12 Jahren sollte die Bilder in den Nachrichten nicht sehen", findet sie. So etwas sei "grob fahrlässig". Um Kindern die Angst zu nehmen, müsse man aber in jedem Fall darüber sprechen: "Kinder müssen fragen dürfen. Als Erwachsene muss ich Zuversicht bieten und rückmelden, aber ich muss die Ängste ernst nehmen und helfen, damit umzugehen. Das lässt sich gut erreichen, indem man Ängste ins Handeln umsetzt, zum Beispiel durch eine gemeinsam organisierte Spendensammlung", schlägt sie vor.

Dies dachte sich auch das Team der Kita "Kleiner Fratz" in Berlin-Pankow und organisierte mit den Eltern eine Spendenaktion für die Menschen in der Ukraine. "Wir haben die gesammelten Sachen sogar selber an die Grenze gefahren", berichtet Stefanie Vocks, Leiterin der Kita. Mit den Kitakindern selbst sprechen die Erzieherinnen und Erzieher ihrer Einrichtung jedoch nicht aktiv über den Krieg. "Das haben wir im Kollegium und mit den Eltern so entschieden", begründet sie. "Insofern die Kleinen nicht von sich aus mit Fragen kommen, wollen wir keine Ängste auslösen und versuchen lieber, den Kindern hier einen schönen Alltag zu bieten."

Spiele und Bilder helfen geflüchteten Kindern beim Sprachen lernen

Die Kita hat jedoch kürzlich zwei aus der Ukraine geflüchtete Mädchen bei sich aufgenommen. Die Zwillinge sind von morgens bis mittags im Krippenbereich untergebracht und lernen hier auf einfache Weise die deutsche Sprache. Das funktioniere laut Stefanie Vocks bei kleinen Kindern am besten mit vielen Liedern, Fingerspielen oder Bildkarten. "Gut ist, wenn jedes Kind in seiner Sprache bleiben kann. Wir reden mit ihnen auf Deutsch, sie antworten auf Ukrainisch und lernen dabei irgendwann ganz automatisch unsere Sprache."

Das Sprachen lernen klappt auch in der Pfefferwerk-Kita "Die Röländer" hervorragend. Vor knapp sieben Jahren kamen hier die ersten Kinder aus Syrien an. Zuvor besuchten fast ausschließlich deutsche Kinder die Einrichtung. "Inzwischen sind etwa vierzig Prozent nichtdeutscher Herkunft", bestätigt Patrick Ladenthin, Erzieher und stellvertretender Leiter der Kita, die nun auch Berliner Modellkita für die Integration und Inklusion von Kindern aus Familien mit Fluchterfahrung ist. Kürzlich wurden zwei Kinder aus der Ukraine aufgenommen. Weitere seien vorgemerkt. Die beiden Vierjährigen sind in einer mehrsprachigen Gruppe untergebracht. Darunter ist ein Kind, das Russisch spricht und ein Arabisch sprechendes, das aufgrund seines Sprachtalents schon ohne Hilfe der Dolmetscherin im Haus zwischen den Kindern vermittelt. "Das ist sehr spannend zu beobachten", so der Erzieher.

Eine Logopädin steht den Mädchen und Jungen beim Sprechen zur Seite. Ebenso helfen beschriftete Sachen oder bebilderte Spielkisten. "Oft entwickeln die Kinder nichtdeutscher Herkunft dann im letzten Jahr ein hohes Tempo beim Sprachen lernen. Neulich kam ein Kind zu mir gerannt und ratterte fünf Sätze in perfektem Deutsch herunter – das sind immer so tolle Momente, wenn man plötzlich bemerkt, wie der Knoten geplatzt ist", freut sich Patrick Ladenthin.

Und wie wird in der Pfefferwerk-Kita "Die Röländer" mit dem Thema Ukrainekrieg umgegangen? "Dazu sind noch keine Fragen aufgekommen und auch beim Spielen der Kinder haben wir bisher nichts bemerkt", erzählt ihr stellvertretender Leiter. "Wenn sie das Thema selbst mitbringen, würden wir es natürlich kindgerecht angehen. Es ist nun mal Teil dieser Welt und so kann ich am Ende auch nicht nicht darüber sprechen, wenn Kinder Fragen stellen."

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Kinder sitzen im Kreis, man sieht sie von oben.
© Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher

Das Service-Portal Integration der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" unterstützt pädagogische Fachkräfte bei der Integration geflüchteter Kinder in der Kita. Tipps aus der Praxis helfen dabei, Kindern ein gutes Ankommen zu ermöglichen.

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"Wer forscht, der fragt - Wer fragt, der forscht"

Eine Erzieherin sitzt neben Kindern, die einen Strohhalm in ein Wasserglas tunken
© Stiftung "Haus der kleinen Forscher"

Wie kann man als Lernbegleitung das Sprachen lernen fördern? Das gemeinsame Entdecken und Forschen bietet viele Sprechanlässe, weil die Kinder ihre Begeisterung über Naturphänomene gern in Worte fassen. Entdecken Sie dazu unseren kostenfreien Online-Kurs.

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Portrait von Julia Oberthür
Autor/in: Julia Oberthür

Bildung für alle und Nachhaltigkeit – diese Themen gehören für mich unbedingt zusammen. Deshalb arbeite ich im "Haus der kleinen Forscher" aus Überzeugung. Als Referentin für Presse, Public Affairs und Digitale Kommunikation unterstütze ich unser Team dabei, ansprechende Texte und klare Botschaften für eine breite Öffentlichkeit zu formulieren. Ich schreibe auch hin und wieder privat, noch lieber widme ich mich aber der Musik, singe in einem Berliner Chor und spiele Gitarre.

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