Deutsch ist meine Kopfsprache, Türkisch meine Herzsprache

Hatice Akyün
© Andre Rival
Im Alter von drei Jahren zog Hatice Akyün mit ihrer Familie von Anatolien nach Duisburg und lernte dort die deutsche Sprache.

Hatice Akyün ist Journalistin und Schriftstellerin und lebt in Berlin. 1972 zog sie im Alter von drei Jahren mit ihrer Familie von Anatolien nach Duisburg. Ihr erstes Buch erschien 2005 mit dem Titel "Einmal Hans mit scharfer Soße: Leben in zwei Welten" und wurde zum Bestseller. Hier erzählt uns die Autorin, wie sie es erlebt hat, mehrsprachig und mit zwei Kulturen aufzuwachsen. Das Interview erscheint ebenfalls in der Ausgabe 1/2020 unseres Kita-Magazins "Forscht mit!", wo sich diesmal alles um Sprache dreht.

Frau Akyün, Sie beherrschen die türkische und die deutsche Sprache perfekt. In welcher Sprache träumen Sie? Und worin liegen für Sie die großen Unterschiede der beiden Sprachen?

Das kommt darauf an, in welchem Land ich gerade bin und welche Leute ich um mich herum habe. Ich fühle mich generell als "Und-Identität": Ich bin Türkin und Deutsche. Unsere Generation ist nicht mehr auf eine Herkunft festgelegt. Meine Wurzeln liegen in der Türkei, ich bin türkisch erzogen worden. Aber ich bin in einer deutschen Gesellschaft aufgewachsen. Ich ziehe diese Trennlinie zwischen Deutsch und Türkisch nicht. Ohne die türkische Sprache könnte ich meine Geschichten, die ich auf Deutsch aufschreibe, gar nicht erzählen. Ich fühle in manchen Situationen türkisch, kann es aber nur in der deutschen Sprache erklären. Der größte Unterschied ist für mich die Zartheit der beiden Sprachen. Sogar in den schlimmsten Situationen bleibt man mit dem Türkischen in einer blumigen Ausdrucksweise. Deutsch ist meine Kopfsprache. Türkisch meine Herzsprache.

Sie waren noch sehr jung, als Sie mit Ihrer Familie nach Deutschland kamen. Wie haben Sie damals Deutsch gelernt? Was hat Ihnen dabei geholfen?

Deutsch habe ich auf den Straßen von Duisburg-Marxloh gelernt. Ich kann mich nur daran erinnern, dass mein Vater immer sagte: "Geh raus, spiel mit den deutschen Kindern." Er sagte es auf Türkisch, zu Hause sprachen wir nichts anderes. Mein erstes deutsches Wort, an das ich mich erinnere, ist "Rotzlöffel". Als ich einmal im Garten unserer Nachbarin Stachelbeeren klaute, sah sie mich und rief aus dem Fenster: "Du Rotzlöffel!" Ich wusste nicht, was das bedeutete.

Es war ganz sicher der Bücherbus, der mir dabei geholfen hat. Der hielt immer donnerstags. Bis dahin kannte ich nur Schulbücher, ein richtiges Buch mit Geschichten hatte ich noch nie in der Hand. Bei uns zu Hause stand nur der Koran auf dem kleinen Holzregal, daneben ein Abreißkalender mit den Gebetszeiten. Jede Woche ging ich nun zur Haltestelle und nahm so viele Bücher mit, wie ich tragen konnte.

Mein erstes deutsches Wort, an das ich mich erinnere, ist 'Rotzlöffel'.

Hatice Akyün

Teilweise sprechen Kinder mit Migrationshintergrund, wenn sie in die Schule kommen, kein oder nur wenig Deutsch.* Wie sollten Bildungseinrichtungen am besten damit umgehen?

Früher wohnten in unserer Straße Bergarbeiter wie mein Vater, es waren Türken, Polen, Italiener, aber vor allem deutsche Kumpel, mit deren Kindern wir auf der Straße spielten, und durch die ich überhaupt Deutsch gelernt habe. Das sehe ich heute auf den Straßen nicht, dass Kinder zusammen spielen. Ich glaube, dass es kein kulturelles, sondern ein soziales Problem ist, wenn Eltern nicht genügend Wert darauf legen, dass ihre Kinder vor der Einschulung die deutsche Sprache lernen. In der Schule ist es meistens schon zu spät und sie können aufgrund der fehlenden Sprache nicht dem Unterrichtsstoff folgen. Das ist fatal, denn Migrantenkinder sind ja nicht dümmer. Ich bin aus Überzeugung für eine Kindergarten-Pflicht. Denn so bekommen die Kinder eine echte Chance, die deutsche Sprache zu lernen. Übrigens gibt es auch viele Kinder ohne Migrationshintergrund, die erhebliche Probleme mit der deutschen Sprache haben.

Inwieweit hat es Ihren Lebensweg beeinflusst, mehrsprachig aufzuwachsen?

Ich saß nie zwischen zwei Stühlen, steckte nicht zwischen zwei Kulturen fest und schon gar nicht fühlte ich mich zerrissen oder auf der Suche nach meiner Identität. Für mich bedeuten zwei Lebenswelten eine doppelte Chance. Anderen Ursprungs zu sein ist für mich faszinierend. Wer zwei Kulturen in sich vereint, zwei Sprachen spricht, exotisch aussieht und einen Lebenslauf mit Ecken und Kanten hat, kann viele Geschichten erzählen. Als Deutsche mit türkischer Herkunft oder Türkin mit deutschen Eigenschaften bin ich in der Lage, all die Sitten und Unsitten meiner türkischen und deutschen Landsleute zu beobachten und sie liebevoll oder auch mit spitzer Zunge zu kommentieren. So bin ich mal die deutsche, mal die türkische Botschafterin.

Wer zwei Kulturen in sich vereint, (...) kann viele Geschichten erzählen.

Hatice Akyün

Zuletzt noch eine Frage, die uns als "Kleine Forscher" beschäftigt: Was erforschen Sie gern in Ihrer Freizeit?

Oh, ich liebe es, die Funktionen des menschlichen Körpers zu erforschen. Da kann ich mich stundenlang in Büchern vertiefen oder nächtelang im Internet recherchieren. Gerade erforsche ich, wie das mit dem Sehen funktioniert. Es ist unglaublich, was für ein Meisterwerk wir Menschen sind, wenn man sich nur mal mit dem Auge beschäftigt. Ich bin nach solchen Erkenntnissen immer sehr demütig und dankbar, wie gut es meiner Familie und mir geht.

*So geht es zum Beispiel aus einem kürzlich veröffentlichten Bericht über Einschulkinder in Duisburg hervor: "Gesundheit der Duisburger Einschulkinder", 2018. Demnach waren bei 16 Prozent der Duisburger Kinder in der 1. Klasse, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, keine Deutschkenntnisse vorhanden, als sie in die Schule kamen.

Portrait von Julia Oberthür
Autor/in: Julia Oberthür

Bildung für alle und Nachhaltigkeit – diese Themen gehören für mich unbedingt zusammen. Deshalb arbeite ich im "Haus der kleinen Forscher" aus Überzeugung. Als Referentin für Presse, Public Affairs und Digitale Kommunikation unterstütze ich unser Team dabei, ansprechende Texte und klare Botschaften für eine breite Öffentlichkeit zu formulieren. Ich schreibe auch hin und wieder privat, noch lieber widme ich mich aber der Musik, singe in einem Berliner Chor und spiele Gitarre.

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