Richtig gutes Zeug?

Kinder spielen mit einer Brücke aus Legosteinen.
© Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher
Legosteine liegen bei Kindern nach wie vor hoch im Kurs. Ist das gut so?

"Leg godt" ist dänisch und bedeutet "Spiel gut". Die nach den zwei Wörtern benannten "Lego"-Plastikbausteine gehören zu den meistverkauften Spielzeugen der Welt. Den Eindruck hatte auch unsere Kollegin Meike Rathgeber, die Kinder und Erwachsene zu Spielzeug befragt hat. Sie arbeitet am neuen Fortbildungsangebot zu Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) mit. Dort wird Spielen als Aufhänger dienen, um mit Kindern zu erkunden, was nachhaltig konsumieren bedeutet.

Meike Rathgeber mit Kita-Kindern
© Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher
Meike Rathgeber ist Referentin für Pädagogik und Naturwissenschaften in unserem BNE-Team

Meike, bist du enttäuscht, dass Plastiksteinchen heute scheinbar immer noch auf der Spielzeug-Hitliste stehen?

Überhaupt nicht. Ich habe nichts gegen Lego oder langlebiges und gut produziertes Spielzeug aus Plastik. Legobausteine regen die Fantasie an und in Verbindung mit anderen Spielfiguren auch zu Rollenspielen. Und Rollenspiele sind etwas Wesentliches für Kinder. Hier machen sie wichtige Erfahrungen und verarbeiten Situationen aus ihrem Alltag. Dabei können sie die Perspektive wechseln, wenn sie in andere Rollen schlüpfen. Das stärkt ihre Fähigkeit, etwas von mehreren Seiten zu betrachten. Besonders in Konflikten. Und sie lernen, auch mal das eigene Interesse zurück zu stellen. Außerdem hilft das Steckprinzip bei Lego dabei, Dinge zu konstruieren, die mit Holzklötzchen nicht so einfach gelingen würden – besonders für jüngere Kinder. Lego ist allerdings ein typisches Drinnen-Spiel und sollte Kinder nicht davon abhalten, raus zu gehen und mit dem zu spielen, was die Umgebung so hergibt.

Und da kommt Konsum ins Spiel.

Ja, zum Beispiel. Kinder können auch ohne Spielzeug aus dem Laden wunderbar spielen – damals wie heute. Und das, obwohl sie heutzutage dem starken Einfluss großer Spielzeugmarken wie Lego ausgesetzt sind. Kinder bringen zuhause gerne Dinge aus dem Haushalt bzw. Alltag ins Spiel. Oder draußen dann eben Stöcke, Schnecken oder Pfützen. Allerdings werden so beliebte Spielzeuge wie Legobausteine gerne lange aufbewahrt und in der Familie oder im Bekanntenkreis weitergereicht. Das ist nachhaltig.

Und wenn es heißt, heute misten wir das Kinderzimmer aus und verschenken Spielzeug weiter, das im Regal versauert, wird genau das urplötzlich wieder interessant.

Nichts ist spannender als Spielzeug, das nicht mehr da ist. Das kennen wir auch von früher. Da wurde die Modelleisenbahn nur zu besonderen Anlässen aufgebaut und dann wieder weggepackt. Für die Kinder wird Spielzeug dadurch wertvoller. Oder umgekehrt: Man hat sich sehr lange ein bestimmtes Spielzeug gewünscht und wenn es endlich da ist, wird es schnell uninteressant. Das kann zum Beispiel passieren, wenn ein Spielzeug durch viele clevere Funktionen glänzt, die wenig Freiraum beim Einsatz des Spielzeugs erlauben. Die sind dann leider oft zu schnell zuende entdeckt.

Nachhaltiger Konsum bedeutet oft, weniger ist mehr. Auch bei Spielzeug?

Könnte man sagen. Je weniger technische Spielereien und Feinheiten, desto länger interessant und im Gebrauch, oder? Außerdem kann weniger kaputt gehen. In unserer neuen BNE-Fortbildung wird es auch um Alternativen zum Neukauf von Spielzeug gehen. Das steht schon im Titel der Fortbildung: "Konsum umdenken – entdecken, spielen, selber machen". Oder sogar um Verzicht – temporär, also eine spielzeugfreie Zeit. Das ist für viele Kitas und manche Horte schon ein bekanntes Konzept, auf das Eltern allerdings sehr unterschiedlich reagieren – einige befürchten Unterforderung und Langeweile, andere finden das Gegenteil und machen es zuhause nach. Ohne "echtes" Spielzeug können Kinder tolle Erfahrungen machen. Sie gehen fantasievoller vor, sind ausgeglichener, kommunikativer und mehr beisammen. Sie entwickeln Ideen für Rollenspiele und können Konflikte besser lösen. Das bleibt auch so, wenn das Spielzeug danach wieder zur Verfügung steht.

Apropos technische Spielereien – die stehen doch bei jedem Kind hoch im Kurs. Vor allem Spiele auf dem Tablet. Da müssen Eltern regelmäßig um die Spielzeit verhandeln.

Ich habe als Kind auch mit einfachen "Gameboys" gespielt. Damit konnte ich mich allein beschäftigen und habe nicht gestört, zum Beispiel bei langen Autofahrten. Als ich etwas älter war, habe ich den ersten Computer bekommen. Allerdings bergen Computerspiele ein ziemliches Suchtpotenzial und müssen daher durch Eltern begleitet werden. Es gibt hier wirklich gute Spiele, zum Beispiel aus dem Rollenspielbereich, wo man auch ohne Zusammenspiel mit anderen Kinder verschiedene Charaktere ausprobieren kann: Wie geht eine Situation aus, wenn ich nachgebe, wütend reagiere oder weglaufe? Oder man trifft sich mit seinen Freundinnen und Freunden virtuell und baut an seiner eigenen Welt. Das ist allerdings alles eher etwas für ältere Kinder. In Zeiten von Corona hat der Absatz von Computerspielen teilweise über die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Ein bedenklicher Trend, finde ich, denn Kinder und Jugendliche brauchen die echte Interaktion mit Gleichaltrigen. Und außerdem Bewegung.

Sieht so aus, als könnten Kinder beim Spielen viel über Konsum und Nachhaltigkeit lernen.

Besser gesagt: anhand von Spielzeug, das wir als Konsumgut und sozusagen Forschungsgegenstand bei unserer neuen Fortbildung in den Mittelpunkt stellen. Kinder sind jeden Tag etwa sieben Stunden mit Spielen beschäftigt. Allein dadurch ergeben sich etliche Anlässe für BNE. Erzieherinnen und Erzieher können sich mit den Kindern an nachhaltigen Konsum herantasten: Spielzeug finden und nutzen, das man reparieren kann; und das für Gesundheit und Umwelt möglichst unbedenklich ist. Spielzeug selber machen oder erfinden. Überlegen, wie man Spielzeug mit anderen teilen kann. Die Kita-Leitung könnte unterstützen, indem sie bspw. eine Team-Fortbildung zur "spielzeugfreien Zeit" ins Haus holt oder Freiräume schafft, mit Kindern gemeinsam Entscheidungen zu Spielzeug zu treffen. Sie könnte mit ihrem Team, den Kindern und auch mit Eltern zusammen Kriterien für gutes Spielzeug entwickeln. In unserer neuen Broschüre zur Fortbildung wird es mehrere Praxisspiele geben, was hier möglich ist.

Reden Sie gerne mit!

Womit haben Sie am liebsten gespielt? Was halten Sie von Lego? Oder welches Spielzeug würden Sie niemals kaufen? Schreiben Sie es unten in die Kommentare.

Passende BNE-Fortbildungen (ab Frühjahr 2021)

Logo BNE-Angebot Haus der kleinen Forscher

• "Konsum umdenken – entdecken, spielen, selber machen" für pädagogische Fach- und Lehrkräfte
• "Für Kita-Leitungen: Konsum umdenken – neue Ideen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung"

Updates & Infos zu unserem BNE-Angebot
Portrait von Susanne Hein
Autor/in: Susanne Hein

Hallo, ich bin Kommunikationsreferentin im "Haus der kleinen Forscher" und arbeite am liebsten im Hintergrund. Ich werde daher nicht oft als Autorin auftauchen. Dabei finde ich gerade diesen Aspekt so spannend: Hier auf dem Blog darf prinzipiell jede und jeder aus dem "Haus der kleinen Forscher" persönlich und offiziell zu Wort kommen. Und ich freue mich über alle, die das mal ausprobieren!

Alle Artikel von Susanne Hein
Kommentar schreiben