MINT-Interesse: Eine Frage des Geschlechts?

Kita-Kinder bei einem Spiel zur Mathematik
© Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher
Ist Mathematik nur was für Jungs? Beobachtungen zeigen, dass sich alle Kinder für MINT-Themen begeistern.

Noch immer entscheiden sich deutlich weniger Frauen für "MINT-Berufe" (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) als Männer. Schon in der Schule gehen die Interessen von Mädchen und Jungen insbesondere an mathematisch-technischen Themen auseinander. Gibt es Geschlechterunterschiede bezogen auf MINT-Themen auch in der Kita? Wir fragten zwei Pädagoginnen nach ihren Beobachtungen.

Nadine Meloni ist angehende Erzieherin im letzten Ausbildungsjahr, hat Psychologie studiert und arbeitet im Katholischen Kindergarten St. Maria in Böbingen. Elke Straub, Kita-Leiterin und Erzieherin seit circa 30 Jahren, betreut im Kinderladen Maimouna e.V. in Hamburg Kinder im Elementarbereich. Die Kita wurde für Familien mit Rassismus-Erfahrungen gegründet und unterstützt unter anderem eine Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Sind MINT-Themen eher was für Jungs?

Nadine Meloni: Nein, natürlich nicht. MINT-Themen sind genderneutrale Themen. Leider ist das oft noch so verankert in der Gesellschaft, dass die Themen eher was für Jungs seien. Ich sehe aber an den Kindern, dass alle gleichermaßen Interesse an diesen Themen entwickeln, insofern man hier nicht einschreitet und wenn man sie neutral erzieht. Mädchen können demnach genauso staunen, wenn sie zum Beispiel Mengen oder Zahlen erforschen, wie Jungs.

Elke Straub: Ich finde, es ist davon abhängig, wie man die Themen den Kindern zugänglich macht. Mich stört aber grundsätzlich die Bezeichnung "Jungen und Mädchen" – es gibt ja noch was dazwischen. In der Kita vermeiden wir es, von Jungen und Mädchen zu sprechen und zweigeschlechtliche Zuordnungen.  Die Interessen und Themen der Kinder sind ausschlaggebend.

Zugang zu MINT-Themen beeinflusst das Interesse

Wie sieht das praktisch im Kita-Alltag aus?

Elke Straub: Wir arbeiten in Funktionsräumen nach dem "Fachmenschen"-Prinzip; ich bin zum Beispiel spezialisiert auf den Bereich Natur & kulturelle Umwelt. Ich bin für den Bauraum verantwortlich. Nach dem Morgenkreis wählen die Kinder die verschiedenen Räume. Sie werden da nicht nach Geschlecht auf die Räume verteilt, sondern alle haben hier gleichermaßen Zugang.

Beobachten Sie diese neutrale Einstellung auch bei den Kindern?

Nadine Meloni: Teilweise schon. Wenn die Kinder aber älter werden, hinterfragen sie kognitiv mehr Dinge als die kleineren und sagen dann öfter auch Dinge wie: "Das ist nur für Jungs".

Elke Straub: Bei den Naturerfahrungen der Kinder beobachte ich keine Unterschiede. Im Bereich Technik zeichnet sich manchmal schon eine Tendenz ab und manche als Jungen gelesenen Kinder sind stärker auf das Thema gepolt, interessieren sich eher für Autos, Baustellen oder Werkzeuge als die "Mädchen".

Die Rollen sind zu Hause oft noch klassisch verteilt und die Kinder denken dann, das ist eben so.

Nadine Meloni

Woher kommt diese Wahrnehmung?

Nadine Meloni: Nicht immer wissen die Kinder selbst darauf eine Antwort. Oder sie sagen: "Weil das so ist" und manchmal auch: "Weil Mama und Papa das sagen". Vieles wird ihnen zu Hause auch so vorgelebt. Zum Beispiel, dass der Papa immer mit der Bohrmaschine oder den Schrauben arbeitet oder die Mama in der Küche steht und das Essen macht. Die Rollen sind dann oft noch klassisch verteilt und die Kinder denken dann, das ist eben so.

Elke Straub: Es gibt auch enorme Einflüsse von außen, wie die Medien, Werbung, usw. Da kann man nur schwer dagegen ankommen und das prägt natürlich auch die Selbstwahrnehmung der Kinder. Wenn sich aber ein Junge als Prinzessin verkleiden möchte und ein Mädchen Handwerker spielen mag, haben sie dafür bei uns einen Erfahrungsraum.

Kinder brauchen Raum zum Ausprobieren

Wie geht man als Erzieherin mit Rollenbildern um?

Nadine Meloni: Da muss man dann einfach gegensteuern und fragen: "Warum können Mädchen das denn nicht auch?" Hinterfragen ist immer wichtig.

Elke Straub: Man kann den Kindern durchaus auch Gelegenheit zur Genderreflexion verschaffen. Ich selbst bin zum Beispiel die Hausmeisterin bei uns in der Kita, nehme auch mal die Bohrmaschine in die Hand und bin für Bauraum inklusive Mathe-Ecke zuständig. Im Hauswirtschaftsbereich arbeitet ein männlicher Kollege. Das bekommen die Kinder natürlich auch mit und haben bei uns die Chance, sich ganz selbstverständlich in unterschiedlichen Rollen auszuprobieren.

Nadine Meloni: Ich bin aber auch dafür, dass man die Geschlechter ab und zu mal trennt und Mädchen ihre eigenen Erfahrungen machen lässt und ihnen Raum gibt, Dinge unter sich auszuprobieren und so vielleicht eine Stärke zu entwickeln, an die sie sonst nicht geglaubt hätten.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Nadine Meloni: Ich hatte mal eine Situation, in der ein Kind beim Essen seine Flasche nicht aufbekam. Zuerst haben dann alle Jungs probiert, den Deckel zu öffnen. Keiner hatte Erfolg. Dann ging die Flasche an die Mädchen und am Ende bekam das kleinste Mädchen den Deckel auf – und konnte es selber nicht glauben.

Solche "ich kann!" Erfahrungen sind toll und prägend. Dazu brauchen Mädchen und Jungen manchmal entsprechenden Raum. In der Schule sah ich mal eine Dokumentation, in der Mädchen und Jungen zusammen "Hau den Lukas" spielten. Die Jungen haben meist gewonnen, weil sie mehr physische Kraft beim Draufschlagen hatten. Das hat die Mädchen schnell demotiviert. Dann hat man sie unter sich spielen lassen und es gab eine Gewinnerin. Die Mädchen haben erkannt, dass sie genauso Erfolg haben können. Das finde ich wichtig. Genauso muss man aber auch die Jungen unterstützen, zum Beispiel beim Tanzen.

Ein Junge läuft über ein aufgeklebtes Quadratmuster auf dem Boden.
© Stiftung Haus der kleinen Forscher/Christoph Wehrer
Kinder müssen in verschiedenste Rollen schlüpfen können, um ihre Interessen frei zu entfalten.

Geschlechtersensibiliät ist erlernbar

Woher kommt Ihre geschlechtersensible Einstellung?

Elke Straub: Ich selbst bin schon älter und wurde in der Frauenbewegung sozialisiert. Von der feministischen Mädchenarbeit bin ich über die Aufmerksamkeit für z.T. gewaltvolle Zuschreibungen für Jungen zu einer eher queeren Pädagogik gelangt. Wir haben auch ein genderreflektiertes Konzept in der Kita und sind ganz bewusst sehr divers im Team.

Nadine Meloni: Ich weiß nicht so genau, woher bei mir diese Einstellung kommt. Ich habe selber ein Kind, das ich genderneutral erziehe. Mein Sohn hat lange Haare, er will das aber so. Für mich war von Anfang an klar, dass ich ihn in keine Rollen dränge. Vielleicht ist das so, weil meine Mutter mir als Alleinerziehende auch immer beide Rollen vorgelebt hat?

Welche Haltung beobachten Sie bei den Eltern Ihrer Kita-Kinder?

Elke Straub: Viele Eltern sehen das ein wenig anders. Das liegt auch am jeweiligen Hintergrund; sie sind vielleicht religiös oder kulturell geprägt und die Kinder werden oft bestimmten Rollen zugeordnet.

Nadine Meloni: In meiner direkten Umgebung sind die Einstellungen zum Teil noch eher klassisch geprägt. Ich wohne hier auf dem Dorf, da gibt es viele Mütter, die nicht oder nur halbtags arbeiten, während die Männer die Hauptverdiener sind. In der Kita versuchen wir daher, immer auch in die andere Richtung zu steuern.

Wir besuchen Fortbildungen und Workshops zur genderreflektierten Erziehung und thematisieren unsere Geschlechterrollen.

Elke Straub

Und bei anderen Erzieherinnen und Erziehern?

Nadine Meloni: Da hab ich in meiner Ausbildung Unterschiedliches erlebt. Vor allem in Bezug auf Farben wird in Einrichtungen oft noch klischeehaft gedacht. Zum Beispiel konnte ein Kind dem Papa kein rosa Halstuch schenken, das es gebastelt hatte, weil das ja nicht passen würde. Hier frage ich dann auch mal kritisch bei den Kolleginnen und Kollegen nach und fordere ihre Denkmuster heraus.

Elke Straub: Wir besuchen Fortbildungen und Workshops zur genderreflektierten Erziehung und thematisieren unsere Geschlechterrollen. Das verlangt schon unser Qualitätsentwicklungsverfahren (SOAL), das u.a. auf dem Recht der Kinder auf Erzieher*innen basiert, die sich ihre eigenen Prägungen in der Kindheit bewusst machen. Ich selbst habe eine Qualifizierung als Fachkraft für Inklusion, wobei Genderdiskriminierung hier auch ein Thema war.

Wir verwenden in unserer Einrichtung auch das Gendersternchen in der Kommunikation. Von den Kindern können wir das natürlich nicht erwarten. Uns ist aber wichtig, dass sich alle angesprochen fühlen. So sollte das ja eigentlich auch beim "Haus der kleinen Forscher" der Fall sein. Wenn dann die Betonung auf der MINT-Zielgruppe Mädchen liegt, sollte der Eigenname sie auch einbeziehen. Und natürlich alle anderen auch.

Alle Kinder können MINT!

Seit 2006 setzt sich die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" für gleiche Bildungschancen für alle Kinder ein – unabhängig von ihrer Herkunft, dem Einkommen der Eltern oder ihrem Geschlecht. Eine Studie im Auftrag der Stiftung zum Thema Geschlechtsunterschiede in der frühen MINT-Bildung fand heraus, dass sich bei Kindern im Kita-Alter noch keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in Bezug auf ihr Interesse an MINT-Themen feststellen lassen. Entsprechend sind auch die Fortbildungen der Initiative darauf ausgerichtet, Mädchen und Jungen gleichsam Zugang zu naturwissenschaftlich-technischen Themen zu verschaffen.

Die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" ist sich der Bedeutung einer geschlechtersensiblen (An-) Sprache bewusst. Während ihr über die Jahre als Marke etablierter Eigenname dies bisher wenig reflektiert, wurde 2012 zumindest die Wort-Bild-Marke so angepasst, dass das Logo die Bildunterschrift "Naturwissenschaften und Technik für Mädchen und Jungen" enthält. Auch in der Kommunikation wird darauf geachtet, nicht nur von Erziehern, sondern auch Erzieherinnen, Trainern und Trainerinnen usw. zu sprechen. Diese Binarität der Ansprache reicht natürlich nicht aus, um der Diversität der Geschlechter gerecht zu werden. Aus diesem Grund findet in der Stiftung gerade ein Diskurs dazu statt, wie die Initiative den Anforderungen an geschlechtersensible Kommunikation künftig noch stärker gerecht werden kann.

Portrait von Julia Oberthür
Autor/in: Julia Oberthür

Bildung für alle und Nachhaltigkeit – diese Themen gehören für mich unbedingt zusammen. Deshalb arbeite ich im "Haus der kleinen Forscher" aus Überzeugung. Als Referentin für Presse, Public Affairs und Digitale Kommunikation unterstütze ich unser Team dabei, ansprechende Texte und klare Botschaften für eine breite Öffentlichkeit zu formulieren. Ich schreibe auch hin und wieder privat, noch lieber widme ich mich aber der Musik, singe in einem Berliner Chor und spiele Gitarre.

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