Gute Teamentwicklung in Kita und Schule

© Hannah Busing/Unsplash
Die Beziehungen im Team sind die Basis für eine gemeinsame pädagogische Ausrichtung und gemeinsame Werte.

Pädagogische Qualität in Kita und Schule wird von den Teams gemacht, die dort lehren, arbeiten und die Kinder in ihrer Entwicklung begleiten. Teamentwicklung ist das Herzstück guter Organisationsentwicklung. Die Beziehungen im Team sind die Basis für eine gemeinsame pädagogische Ausrichtung und gemeinsame Werte. Aber wie kann eine gute Teamarbeit in Kita und Schule gefördert werden? Darüber sprachen Fachleute u.a. mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kita und Schule beim Online-Fachforum „Organisationsentwicklung“. Dies ist der vierte und letzte Teil einer Blogreihe, um die guten Ideen und Praxisansätze aus dem Fachforum vorzustellen.

Warum ist Teamentwicklung wichtig?

Als ich angefangen habe, als Erzieherin zu arbeiten, kam ich in ein sehr nettes Team. Mit allen Kolleginnen konnte ich eine Ebene finden, auf der wir uns gut verstehen. Dennoch haben wir sehr unterschiedlich gearbeitet. Jede von uns hat das gemacht, was sie für richtig hielt. Nur fand das die andere manchmal nicht unbedingt gut. Wenn eine Kollegin sich aus der Gruppenarbeit rauszog, um einzelne Kinder für eine kurze Zeit zu beobachten, hat die andere Kollegin zwar zugestimmt, aber eigentlich wollte sie lieber, dass alle mit anpacken. Erst kurz bevor ich die Einrichtung verließ, erfuhr ich von dem Jahre alten Konflikt im Team, über den nicht mehr gesprochen wurde, der aber noch spürbar war.

Von ähnlichen Situationen habe ich seither oft gehört. Obwohl Teams sich auf den ersten Blick gut verstehen und nett zueinander sind, ist es manchmal nicht einfach, gemeinsame Werte und Haltungen zu finden und daraus die Arbeit zu gestalten. Wenn Konflikte auftreten, haben einige noch nie eine gute Lösung für alle erlebt, sondern eher, dass eine Partei „gewinnt“ und eine „verliert“.

In guter Teamarbeit steckt eine Menge Potenzial, wie im letzten Herbst das Fachforum zum Thema „Organisationsentwicklung – Was Kita und Schule voneinander lernen können“ gezeigt hat. Bei der Veranstaltung des Forum KITA-Entwicklung stellten sich Fachleute gegenseitig gute Praxisbeispiele zu unterschiedlichen Themen vor und diskutierten diese mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kita, Schule, Wissenschaft und Politik.

Dabei trat Teamarbeit als übergreifendes Thema in allen Workshops auf. Die Workshops zur Umsetzung von Programmen und zum Umgang mit Veränderungen, deren Inhalte in vorherigen Blogposts behandelt wurden, führen mich nun zu folgenden Thesen:

  • Geplante Veränderungen müssen auf die Situation der Einrichtung und deren Ressourcen abgestimmt sein.
  • Vorhaben müssen für die Mitarbeitenden sinnvoll und freiwillig sein, wenn sie gelingen sollen; und die Beteiligten brauchen Mitbestimmung in der Gestaltung.
  • Teamarbeit ist erfolgreich, wenn die Mitglieder sich aufeinander verlassen können und gut miteinander kommunizieren.
  • Kompetente Teams können auch schwierige Prozesse bewältigen.

Wir können also davon ausgehen, dass Teamentwicklung für erfolgreiche Organisationsentwicklung in Kita und Schule zentral ist. Doch wie kann man Teamentwicklung positiv gestalten? Was kann wer dafür tun? In drei weiteren Workshops, um die es in diesem Blogpost geht, wurden Handlungsansätze zum Thema „Teamentwicklung“ vorgestellt und anhand von Praxisbeispielen diskutiert:

  • Schulentwicklung durch Peer-Reviews (Dr. Franziska Carl, Universität Hamburg)
  • Der wertschätzende Qualitätsdialog (Dr. Sarah Stüber, Kindermitte e.V.)
  • Der Träger als lernende Organisation (Grit Herrnberger, FiPP e.V., Mitglied des Vorstands des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, LV Berlin e.V.)

Peer-Reviews: voneinander lernen

Die Ziele einer Organisation können vom Chef vorgegeben und kontrolliert werden, doch es geht auch anders. Im Projekt, von dem Dr. Franziska Carl berichtet, besuchen sich die Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Schulen, um voneinander zu lernen und sich gegenseitig bei der Schulentwicklung zu unterstützen.

Peer-Review nennt sich das Verfahren aus dem zu diesem Zweck gegründeten Schul-Netzwerk „Blick über den Zaun“. Peer-Review bedeutet: Begutachtung durch Gleichgestellte. Es handelt sich dabei eigentlich um ein Prinzip, das in der Wissenschaft Anwendung findet. Für die Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift wird ein Beitrag einer Forschungsgruppe durch Expertinnen und Experten aus der gleichen Fachrichtung begutachtet, um die Qualität sicherzustellen. Die Idee ist, dass andere Fachleute, die sich in ihrem Arbeitsalltag mit demselben Stoff beschäftigen, diesen auch am besten beurteilen können.

Diese Methode ist auf Schulen (und Kitas) übertragbar: eine Kollegin kann als „kritische Freundin“ den erfahrenen und gleichzeitig einfühlsamen Blick mitbringen, den es für eine hilfreiche Rückmeldung braucht. Das Verfahren ist auf einen doppelten Transfer ausgerichtet: Sowohl die besuchte Schule als auch die Gäste können sich weiterentwickeln. Die besuchte Schule überlegt schon vorher, wo sie sich weiterentwickeln will: Sie stellt Fragen, auf die bei dem Besuch besonders geachtet werden soll. Die Gäste nehmen durch das Peer Review ebenfalls neue Ideen und Inspiration mit in ihre eigene Schule. Sie können nicht nur aus der Beobachtung lernen, sondern auch durch den Prozess selbst, bei dem interessante pädagogische Fragen besprochen werden.

Als Gelingensbedingungen für ein Peer-Review nennt Dr. Carl einige wichtige Charakteristika:

  • Die Teilnahme der Schulen ist freiwillig, das Kollegium muss diesem zustimmen.
  • Die Rückmeldung erfolgt wechselseitig und auf Augenhöhe.
  • Die Teilnahme der Lehrkräfte ist über einen Zeitraum von mehreren Jahren kontinuierlich. Dadurch werden vertrauensvolle Beziehungen aufgebaut und wertvolle Rückmeldungen ermöglicht.

Dies sind jedoch keine einfachen Rezepte, die man nur noch anwenden muss. In der Umsetzung ergeben sich durchaus Spannungsfelder. So ist es wichtig, dass die Schulen sich selbst organisieren können und Raum für eigene Bedürfnisse und Ideen haben. Gleichzeitig macht es den Beteiligten die Umsetzung leichter, wenn ein festes Verfahren Orientierung gibt. Gemeinsame Verhaltensregeln führen außerdem dazu, dass ein wertschätzender Umgang eingeübt wird.

Schulentwicklung durch Peer-Reviews (Dr. Franziska Carl, Universität Hamburg)

Impulsvortrag beim Fachforum "Organisationsentwicklung" des Forums KITA-Entwicklung

Es ist also keine Selbstverständlichkeit, dass das Programm funktioniert. Viele Aspekte müssen beachtet werden. Dass es den Schulen und den teilnehmenden Lehrinnen und Lehrern nützt, zeigt sich in der Beliebtheit des Programms. Die Schulen nehmen immer wieder teil - ohne dafür extra Anreize zu bekommen.

Qualitätsdialog: wertschätzendes Feedback

Auch für Kitas funktioniert dieser Ansatz  des gegenseitigen Besuchens. Die Organisationsentwicklerin Dr. Sarah Stüber, Geschäftsführerin von Kindermitte e.V., wählte ihn für ihre Kitas als sie für ihren Trägerverband nach einer neuen Methode suchte. Sie hatte bemerkt, dass das Thema Qualitätsentwicklung oft zu Widerständen führt und es für pädagogische Fachkräfte wenig motivierend ist, sich an vorgegebenen Standards abzuarbeiten. Der Anspruch an die neue Methode war deshalb hoch: Das Thema sollte so angegangen werden, dass die ganze Kita einbezogen wird und die Qualitätsentwicklung an jeder Stelle im Alltag etwas bewirken kann. Zudem sollte es partizipativ sein und Spaß machen, sodass sich Mitarbeitende gerne daran beteiligen.

Den Entwicklungsprozess ging sie daher gemeinsam mit ihrer Kollegin und Organisationsentwicklerin Dr. Maike Reese sowie mit Kita-Leitungen an.

Ihre neue Methode, der „Qualitätsdialog“, fußt auf zwei Ideen:

  • Perspektivwechsel: Um sich weiterzuentwickeln, ist ein Blick von außen auf die eigene Arbeit hilfreich. Dieser soll aber nicht „von oben“ kommen, sondern auf Augenhöhe sein. Daher werden die Kita-Teams im Peer-Review von Fachkräften aus einer anderen Einrichtung besucht. Außerdem wird die sehr wertvolle Perspektive der Kinder mit einbezogen, für die die pädagogische Arbeit ja da ist. Dabei kommen Methoden zur Erhebung der Qualität aus Kindersicht nach Nentwig-Gesemann et al. zum Einsatz.
  • Stärkenorientierung: Um erfolgreich zu sein, ist es hilfreicher, sich auf Erfolge zu konzentrieren anstatt auf Probleme. Das Team führt daher zuerst eine interne Bilanz durch, in der es sich auf die eigenen Stärken und Erfolge konzentriert. Bei den Erfolgen wird gefragt: Wie sind wir dahin gekommen? So können die Zutaten für eine gute gemeinsame Arbeit gefunden werden. Auch die Rückmeldung durch die Kolleginnen und Kollegen, die im Peer-Review zu Besuch kommen, erfolgt als wertschätzende Rückmeldung.

Was der Qualitätsdialog mit sich bringt, ist ein Kulturwandel. In unserer Kultur werden Menschen schnell bewertet und Probleme stehen häufiger im Vordergrund als ein guter Ausgang. Es fällt deshalb nicht unbedingt leicht, die Kollegin erst einmal zu verstehen und ihr ein wertschätzendes Feedback zu geben, statt mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen zu beginnen.

Der Workshop, der die pädagogischen Fachkräfte zum Besuch mit Peer-Review vorbereitet, enthält daher keine inhaltlichen Vorgaben. Im Fokus stehen die Methoden: Beobachten, dokumentieren und wertschätzende Rückmeldung.

Von dieser Arbeit profitieren die Erzieherinnen und Erzieher gleich doppelt, denn den wertschätzenden Blick brauchen sie auch in ihrer pädagogischen Arbeit, um die Bedürfnisse und Stärken der einzelnen Kinder zu sehen und zu unterstützen.

Der wertschätzende Qualitätsdialog (Dr. Sarah Stüber, Kitaverband Kindermitte)

Impulsvortrag beim Fachforum "Organisationsentwicklung" des Forums KITA-Entwicklung

Verantwortung der Träger: Teamentwicklung als Leitungsaufgabe

Die Kita selbst ist keine in sich abgeschlossene Organisation. Arbeitgeber für die pädagogischen Fachkräfte ist nicht die Kita-Leitung, sondern der Träger. Beim ihm liegt die Personalverantwortung und die Verantwortung für die pädagogische Qualität.

Es ist daher ein überzeugender Ansatz, dass die Teamqualität nicht erst in der Kita anfängt, sondern bereits beim Träger. Wie das aussehen kann, zeigte Grit Herrnberger in ihrem Workshop: „Der Träger als lernende Organisation“.

In dem darin vorgestellten Praxisbeispiel des FiPP e.V. findet zweimal im Jahr eine zweitägige Qualitätswerkstatt zu übergreifenden Themen, wie dem „Anti-Bias-Ansatz“ oder „Umgang mit Krisen“, statt. Beteiligte sind die Geschäftsführung, pädagogische Fachberatungen, Bereichsleitungen, Mitarbeitende der Öffentlichkeitsarbeit sowie Verwaltungs- und Personalleitung.

Der Zusammenarbeit mit der Kita und auch der trägerinternen Zusammenarbeit tut es gut, wenn sich Mitarbeitende aus ganz verschiedenen Aufgabenbereichen mit wichtigen frühpädagogischen Themen beschäftigen.

In der Kita gibt es parallel dazu ähnliche Prozesse, z.B. Reflektion über vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung, die als zentrales Thema über zwei Jahre hinweg in einer Einrichtung erfolgt.

Grit Herrnberger zieht folgenden Schluss aus ihrem Ansatz: „Die Zusammenarbeit zwischen Träger und Kita muss vertrauensvoll ablaufen, damit gute Ergebnisse erreicht werden können. Wenn es um Haltung geht, brauchen die Kita-Teams eigenständige Prozesse. Ihre Ziele müssen sie selbst bestimmen können, damit diese Ziele auch von allen weiter getragen und damit wirksam werden.“

Aufgabe des Trägers ist es, für die Kita-Teams einen passenden Rahmen zu setzen. Dieser muss Struktur bieten, aber gleichzeitig für die Prozesse der Einrichtung ergebnisoffen sein. Es ergibt sich, wie im Projekt von Dr. Carl, eine Balance zwischen Steuerung und Partizipation, denn wenn Partizipation als Prinzip ernst genommen wird, lassen sich nicht mehr alle Prozesse planen und genau so umsetzen. Oder, wie Grit Herrnberger es formuliert: „Steuerung heißt auch loslassen können.“

Auch der Kita-Leitung kommt eine besondere Aufgabe zu: Sie arbeitet an der Schnittstelle zwischen Träger und Kita, muss in beide Richtungen gut kommunizieren und die Prozesse in der Einrichtung anstoßen und begleiten.

Vertrauenskultur ist dabei eine organisationale Aufgabe, die letztendlich die Voraussetzung für gemeinsame Entwicklung ist. Sie muss geschaffen und immer wieder erneuert werden. Denn wie in allen Beziehungen, reicht es nicht, sich einmal dafür zu entscheiden. Vertrauen entsteht erst durch wiederholte gemeinsame Erfahrungen.

Fazit

Sowohl in der Schule als auch in der Kita wurden ähnliche Prinzipien entdeckt, die für Teamentwicklung zentral sind: Freiwilligkeit, Wertschätzung, Perspektivübernahme. All diese Themen sind in der Pädagogik ohnehin wichtig. Teams, Kita- und Schulleitungen und Träger können sehr davon profitieren, wenn sie die gleichen Maßstäbe an ihr eigenes Handeln im Team anlegen. Denn nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene entwickeln sich weiter und brauchen dafür gute Bedingungen.

Portrait von Eva Weyer
Autor/in: Eva Weyer

Für mich ist forschendes und entdeckendes Lernen eine Leidenschaft. Seit meinem Studium der Pädagogik beschäftige ich mich damit, wie man institutionalisiertes Lernen besser machen kann – spannender, anwendbarer und mit gleichen Chancen für alle. Ich forsche und lerne selbst gerne und deswegen passt die Arbeit in der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" gut zu mir. Im Team Forschung und Entwicklung bin ich für den Austausch mit Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis zuständig.

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