"Alltagsintegriertes Forschen ist jetzt Kita-Alltag"

© Stiftung "Haus der kleinen Forscher"
Kitaleiterin Claudia Tiedt und Erzieherin Regina Franke-Schimanski nahmen an der Erprobung des neuen Kitaprogramms "KiQ" vom "Haus der kleinen Forscher" teil.

Vor ihrer Teilnahme am Kita-Modellprogramm "KiQ – gemeinsam für Kita-Qualität: Wenn Entdecken und Forschen zum Alltag werden" hatte die DRK Kita Harburger Berge aus Hamburg mit ihrer 64-jährigen Erzieherin Regina nur eine pädagogische Fachkraft im Haus, die sich dauerhaft mit frühkindlicher MINT-Pädagogik auseinandersetzte. Sie sicherte maßgeblich die Einrichtungszertifizierung als „Haus der kleinen Forscher“. Als Kitaleiterin Claudia Tiedt im Winter 2019/2020 erfuhr, dass die Stiftung für die Erprobung eines neuen Kita-Programms zum entdeckenden und forschenden Lernen kostenfreie Plätze auch in Hamburg anbietet, ergriffen sie die Chance. Knapp zwei Jahre später habe ich beide zum Interview getroffen, um gemeinsam Bilanz zu ziehen.

 

Spulen wir zunächst zurück zum Anfang. Was war vor zwei Jahren Eure Hauptmotivation, Euch für die Modellphase unseres neuen Kita-Programms "KiQ" zu bewerben?

Claudia Tiedt (Kita-Leiterin): Wir stellten uns damals die Frage: Wie bekommen wir das hin, dass nicht nur Regina "die Forscherin" ist, sondern dass alle in unserer Kita das Forschen leben. So haben wir uns gemeinsam entschieden, beim "KiQ"-Modellprojekt mitzumachen.

Regina Franke-Schimanski (päd. Fachkraft): Ich war begeistert von der Idee "KiQ", von der Vision, die die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" entwickelt hat – und auch von der Mission, alltagsintegriertes Forschen und Entdecken in die ganze Kita zu bringen. Das war meine Motivation beim Projekt als Tandem-Partnerin von Claudia mitzumachen. Es waren zwei vollgepackte Jahre! Wir haben uns gemeinsam darauf eingelassen, trotz der vielen weiteren Herausforderungen im Kitaalltag, insbesondere die zusätzlichen Schwierigkeiten bedingt durch die Corona-Pandemie. Eine wichtige Neuerung war für mich auch die Umstellung auf die Digitalisierung, auf die digitalen Herausforderungen, die wir gemeinsam gut gemeistert haben. Das hat sicher auch viel mit meinem Alter zu tun, mich dieser Herausforderung noch mal neu zu stellen. Ich bin 64 Jahre alt und letztes Jahr eigentlich offiziell in den Ruhestand gegangen. Da das "KiQ"-Programm personengebunden ist, habe ich über den Termin meines Ausscheidens hinaus weiter gearbeitet, worauf sich Claudia und ich gern eingelassen haben.

Die Haltung gegenüber den Kindern – wirklich den Kindern auf Augenhöhe begegnen und wirkliches Interesse an dem Denken und Empfinden der Kinder zu haben: Das habe ich seither ganz positiv erlebt."

Regina Franke-Schimanski, pädagogische Fachkraft

Hat es für Euch als "KiQ"-Tandem geklappt, Euer Wissen und Eure Erlebnisse ins Team zu transportieren?

Claudia Tiedt: Das hat stolprig geklappt, muss man ehrlicherweise sagen. Das war keine absolute Punktlandung. Funktioniert hat es nur mit vielen kleinen Zwischenschritten und Zwischenstopps. Ausschlaggebend war da letztendlich sicher unsere eigene Begeisterung. Regina und ich haben das Team immer wieder neu angeregt, dass es nicht was ganz Neues braucht, sondern schon ganz viel vorhanden ist. Wir haben daher "KiQ" und das entdeckende und forschende Lernen im Kita-Alltag immer wieder in Teambesprechungen zum Thema gemacht.

Regina Franke-Schimanski: Alleine den MINT-Themen gegenüber zeigten viele Teammitglieder große Unsicherheiten. Die Kolleginnen, die bereits an Fortbildungen der „Kleinen Forscher Hamburg“ teilgenommen haben, hatten einen ganz anderen Blick auf das Thema, als andere Kolleginnen, die meinten: „Also ich sehe mich nicht für den MINT-Bereich zuständig“. Das stellte sich manchmal schon als Herausforderung dar. Aber ich als „Forscherin“ habe meine Arbeitsweise dann auch verändert und noch mehr von der Begeisterung der Kinder erzählt! Denn die Kinder haben ja gemerkt: „Hey! Da ist jemand, der interessiert sich auch für meine Themen, für das, was ich gerade entdecken will, für das, was mich begeistert.“. Den Kollegen von dieser Begeisterung der Kinder zu berichten und ihnen diese zu spiegeln war also eine ganz wichtige Sache. Das konnte viele umstimmen.

Gab es noch weitere besondere Momente, die Euch bei der Umsetzung geholfen haben?

Claudia Tiedt: Grundsätzlich waren für mich die Treffen in Präsenz in der Corona-Zeit immer etwas Besonderes. Zudem hatten wir unseren Schlüsselmoment direkt zu Beginn im 2. "KiQ"-Modul, wo es um die Visionsentwicklung für unsere Kita ging. Denn zuerst waren Regina und ich mit der Vision, die unsere anderen Teammitglieder entwickelt hatten, nicht einverstanden. Unser Team wollte: "Weniger ist mehr!" Da dachten wir beide: "Warum muss weniger mehr sein, wenn wir doch mehr für die Kita wollen?". Wir beide haben das zuerst nicht verstanden, was uns das Team damit sagen wollte. Irgendwann hat es klick gemacht.
Auf unserem "KiQ"-Weg haben wir festgestellt, dass ein Großteil des Teams jetzt umdenkt. Und das wird sicherlich immer weiter gehen. Zum Beispiel ist bereits angekommen, dass nicht nur Regina mit dem Forscherkoffer aktiv ist, sondern wir alle. Sichtbar wurde das vor allem bei der letzten Umsetzung unseres Hausthemas Licht.

Was habt Ihr beiden jeweils noch aus dem Kita-Programm für Euch mitnehmen können? Gerade du, Regina, hattest ja bereits einiges MINT-Vorwissen. Gab es trotzdem neue Learnings?

Regina Franke-Schimanski: Ich erinnere mich vor allem an einen Moment, wo ich gedacht habe: „Ja, ich kann dem Interesse des Kindes folgen. Ich kann mich darauf verlassen. Ich muss nicht immer daran denken, was der Kitaalltag bringt." Klar muss der Betrieb im Großen und Ganzen laufen –  es muss die Mahlzeiten, die festen Strukturen geben. Aber ich kann zwischendurch auch mal etwas loslassen davon und nur den Interessen des Kindes folgen.
Und dann ist das der Aspekt der wertschätzenden Haltung der Lernbegleitung den Kindern gegenüber: "Ich zeige wirkliches Interesse an dir, ich gehe in einen Dialog mit dir". Und auch wieder die Rückspiegelung der Kinder … Ich glaube, die Haltung gegenüber den Kindern – wirklich den Kindern auf Augenhöhe begegnen und wirkliches Interesse an dem Denken und Empfinden der Kinder zu haben - das habe ich seither ganz positiv erlebt. Nun hatte ich aber auch den Freiraum: Ich war keine Gruppenerzieherin. Aber ich glaube, letztendlich ist es das Allerwichtigste, dass man mit den Kindern in den Dialog tritt.

Und was ziehst du aus der Teilnahme am "KiQ"-Programm als Kitaleiterin, Claudia?

Claudia Tiedt: Also ein Highlight war auf jeden Fall der Austausch mit anderen Kitaleitungen! Das hat – aufgrund der Pandemie – zwar nun digital stattgefunden, aber ich habe das immer als eine sehr ehrliche Atmosphäre empfunden. Und für mich persönlich war mein Ergebnis oder das, was ich noch immer in mir trage, eine innere Haltung der Akzeptanz und des Annehmens. Natürlich gelingt einem das nicht immer gut, weil man ja als Kitaleitung eine Vision hat, wie man gerne möchte, dass Pädagogik umgesetzt wird. Und wenn die Veränderung dann nicht funktioniert hat und man im inneren Zwist und Kampf ist – hab ich gelernt, zu mir selbst zu sagen: "Die Zeit wird es mit sich bringen." Da hat es mir dann oft auch sehr geholfen, im Austausch mit anderen zu sein und zu sehen: In anderen Kitas gab es ähnliche Herausforderungen.
Wir haben zum Beispiel unser erstes Ziel während des "KiQ"-Programms komplett nicht erreicht: die Bestandsaufnahme. Das haben wir nicht durchführen können. Als Kitaleitung wollte ich, dass wir das umsetzen – haben wir aber nicht. Und für mich ist das jetzt fein. Ich konnte das irgendwann akzeptieren. Das ist auf jeden Fall ein Ergebnis, das ich mitnehme: Die Leichtigkeit in diesem ganzen "KiQ"-Prozess! Sie half uns zu erkennen: Ein Umdenken erfolgt über die eigene Haltung und unsere gemeinsame Verantwortung für die Kinder und ihre Eltern. Letztendlich sind wir als Team so weiter zusammen gewachsen.

Welche Programminhalte waren besonders hilfreich, um diese Leichtigkeit zu entwickeln?

Claudia Tiedt: Die Art und Weise durch unsere Prozessbegleiterin unterstützt zu werden und die Möglichkeit immer in den Austausch mit den Verantwortlichen und Teilnehmern des "KiQ"-Prozesses treten zu können. Das hat uns stets Mut und Leichtigkeit vermittelt.

Unsere Haltung hat sich verändert. Forschen wird nicht mehr als Muss angesehen, sondern auf der Habenseite verbucht.

Claudia Tiedt, Kitaleiterin

Wie kann ich mir diesen Wandel im Alltag ganz praktisch vorstellen?

Regina Franke-Schimanski: Wir haben geplant, was wir in den nächsten Wochen machen. Wir haben uns ein Thema zusammen ausgesucht, das von allen Gruppen im Haus gleichzeitig bearbeitet wird, von der Krippe bis zum Vorschulbereich. Dabei hat das jede Gruppe auf ihre Art und Weise umgesetzt und auf die Kinder dort zugeschnitten. Wir haben da zwar an die Kinder gedacht bei der Planung. Aber es wurde letztendlich von uns Erwachsenen ausgedacht und vorbereitet. Seit unserer Teilnahme am "KiQ"-Programm gehen wir viel mehr von den Interessen des Kindes aus. Wir sind dabei offener geworden. Weiter gefasste Themen werden zwar noch immer vorgegeben wie unser gemeinsames Hausthema. Aber davon ausgehend kann man ja zu Themen wie Licht noch viel genauer auf das aktuelle Interesse eines Kindes oder einer Gruppe von Kindern eingehen. Man kann Material in die Gruppe geben und gucken, was passiert. Man kann Impulse geben und die Entwicklung beobachten. Das ist dieser Knackpunkt, dass wir verstanden haben: "Wir folgen dem Interesse des Kindes und nicht unserem Plan!".

Das heißt, der "KiQ"-Ansatz des alltagsintegrierten Forschens hat bei euch jetzt zu einem Umdenken geführt?

Claudia Tiedt: Ja. Das alltagsintegrierte Forschen ist in den Alltag eingezogen! Davor war das irgendwie immer ein zusätzliches To Do. Unsere Haltung hat sich verändert. Es wird nicht mehr so als Muss angesehen, sondern auf der Habenseite verbucht.

Habt ihr euch schon was Konkretes vorgenommen, das ihr jetzt nach Programmabschluss weiterentwickeln möchtet?

Claudia Tiedt: Wir werden unsere Spielmaterialien überprüfen, im Innen- und im Außenbereich. Gemeinsam mit den Kindern werden wir weitere Ideen entwickeln, welches anregende Spielmaterial den Forschergeist stärkt.

Über das Modellprogramm "KiQ - gemeinsam für Kita-Qualität"

Wort-Logo des Kita-Modellprogramms: KiQ - gemeinsam für Kita-Qualität
© Stiftung Haus der kleinen Forscher

Das BMBF-geförderte Modellprogramm (Laufzeit 2020-2022) erprobt, wie Kita-Leitungen sowie Erzieherinnen und Erzieher dabei unterstützt werden können, das entdeckende und forschende Lernen mit 3- bis 6-jährigen Kindern auf Dauer im Kita-Alltag zu verankern. Programmsäulen sind eine Fortbildungsreihe für Fachkraft-Leitungs-Tandems, Prozessbegleitung und Austauschrunden für die Kitas untereinander. Knapp 85 Kitas aus vier Modellregionen in allen Himmelsrichtungen Deutschlands haben erfolgreich am Testdurchlauf von "KiQ" teilgenommen.

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Portrait von Jasmin Hihat
Autor/in: Jasmin Hihat

Als Referentin Kommunikation verantworte ich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von zwei sehr unterschiedlichen Stiftungsprojekten. Das gibt mir die wunderbare Möglichkeit, mich thematisch sowohl mit der Kitaqualitätsentwicklung in Deutschland zu beschäftigen, als auch die Innovationskraft von ko-kreativem Arbeiten im Grundschulkontext zu erleben. Privat tanze ich gerne Swing, singe und moderiere auf Cabaret-Shows und entspanne mich auf Mini-Roadtrips.

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