Hand in Hand: MINT-Bildung und BNE

Gute MINT-Bildung bedeutet, sich grundlegende Zusammenhänge zu erschließen und sowohl die Werte, die unserem Handeln zugrunde liegen, als auch die Folgen unseres Handelns zu reflektieren. Beides ist zugleich zentraler Aspekt und Inhalt einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz: BNE. Beispielhaft lässt sich das an früher naturwissenschaftlicher und technischer Bildung verdeutlichen.

Die Bildungspläne der Bundesländer für die frühkindliche Bildung erteilen den Kitas seit langem den Auftrag, Kindern den Zugang zu Phänomenen aus Natur und Technik zu ermöglichen. Daher gehören in vielen Einrichtungen einschlägige Aktivitäten zum Kita-Alltag. Unter anderem unterstützt die Initiative "Haus der kleinen Forscher" seit 12 Jahren pädagogische Fachkräfte darin, gute frühe MINT-Bildung in ihren Einrichtungen umzusetzen. Aspekte der Nachhaltigkeit und Bildung für nachhaltige Entwicklung greifen die Bildungspläne in sehr unterschiedlicher Weise auf. Im Berliner Bildungsprogramm heißt es beispielhaft: "Die Pädagoginnen und Pädagogen (…) fordern die Kinder mit Themen heraus, die für den Lebensalltag der Kinder bedeutsam sind. Dazu gehören insbesondere die Themen und Fragen einer nachhaltigen Entwicklung wie zum Beispiel Ernährung, Gesundheit, Wasser, Boden, Energie und das Zusammenleben in der Welt." Und weiter: "Die Pädagoginnen und Pädagogen unterstützen und begleiten die Kinder durch Bestärken der Entdeckungsfreude, durch Raum und Zeit für Beobachten und für Versuch und Irrtum." Aber nicht nur hands-on-Aktivitäten werden benannt, sondern auch gemeinsames Nachdenken und "das Philosophieren mit Kindern ist eine geeignete Herangehensweise." Hier werden also Naturerfahrungen, Reflexionen über naturwissenschaftliche Zugänge und technische Lösungen von Problemen mit den Fragen und Konzepten einer nachhaltigen Entwicklung und einer BNE zusammen betrachtet.

Naturwissenschaftliche Bildung beginnt mit Entdecken und Forschen

Mädchen hält verschiedene Pflanzensamen in den Händen
© Christoph Wehrer/ Stiftung Haus der kleinen Forscher
Kinder kennen viele Obstsorten, aber kennen sie auch die Samen dazu? Was finden sie über Samen und über die Bedeutung von Pfanzenvielfalt heraus?

Im Kita-Leben, auf dem Spielplatz oder beim Ausflug erleben Kinder die Natur: den Wechsel der Jahreszeiten, Wetterphänomene, Wasser, das Wachsen und Vergehen von Pflanzen, das Leben der Tiere in ihrer Umgebung und auch physikalische Phänomene wie hell und dunkel, laut und leise, warm und kalt. Sie sprechen gern mit den Pädagoginnen und Pädagogen über ihre Wahrnehmungen und Entdeckungen. Mit dem sensiblen Aufgreifen der zahlreichen damit verbundenen Fragen, die die Kinder explizit stellen oder die sie erkennbar bewegen, beginnt naturwissenschaftliche Bildung.

Nicht nur einzelne Phänomene können entdeckt und erforscht werden, sondern auch komplexe Zusammenhänge in unserem Alltagsleben.

Pädagoginnen und Pädagogen können sich am Modell des Forschungskreises orientieren, der sich in unterschiedliche Phasen des Denkens und Handelns gliedert:

  • Am Anfang steht eine Frage an die Natur: Welches Naturphänomen interessiert die Mädchen und Jungen? Welches Thema hat für die Kinder eine Bedeutung? Welche Frage lässt sie nicht mehr los?
  • Dann werden Ideen und Vermutungen gesammelt: Was wissen die Kinder bereits? Welche Vorerfahrungen haben sie gemacht?
  • Etwas ausprobieren und einen Versuch durchführen: Wie kann man herausfinden, welche Vermutung richtig ist?
  • Alles wird genau beobachtet und zunächst in Gesprächen beschrieben: Was ist passiert? Was erleben die Kinder?
  • Ergebnisse sollen dokumentiert werden: Alles wird aufgezeichnet, gemalt, fotografiert oder geschrieben!
  • Die Ergebnisse werden erörtert: Was haben die Kinder herausgefunden? Welche Vermutungen stimmen? Welche Fragen stellen sich nun?

Mit der Orientierung an diesem Prozess des Forschens gestalten die Pädagoginnen und Pädagogen ihre Lernbegleitung in Anlehnung an naturwissenschaftliche Forschung und fördern bei den Kindern sowohl den Erwerb von Sachwissen und das vertiefte Verstehen als auch die Einsicht in den Prozess, wie sie dieses Wissen erlangen, und dass es immer in einem bestimmten Zusammenhang entsteht. Kinder erkennen auch, dass sie am nächsten Tag weiterforschen und wieder Neues und Anderes herausfinden können.

Naturwissenschaftliche Bildung kann nachhaltiges Handeln unterstützen

Nicht nur einzelne Phänomene können entdeckt und erforscht werden, sondern auch komplexe Zusammenhänge in unserem Alltagsleben. Mit den Phänomenen Wärme und Isolierung ist man mit einem Schritt bei einem Schlüsselthema der Nachhaltigkeit ­- den Fragen danach, wie wir mit Wärme und der dafür notwendigen Energie umgehen. Die Verwendung fossiler Brennstoffe trägt zum menschengemachten Treibhauseffekt und damit zum Klimawandel bei. Kinder tragen keine Verantwortung für ihren Energieverbrauch und haben meist wenig Vorstellung davon, was Energie eigentlich ist. Dennoch können sie Erfahrungen mit Formen der Energieverwendung sammeln, z. B. Wärme erkunden und als eine wertvolle Ressource schätzen lernen. Auch das Feld der Ernährung lässt sich mit deutlichem MINT-Bezug bearbeiten. Kinder können selbst Obst und Gemüse anbauen und ernten. Sie erleben, wie diese Pflanzen wachsen, erkunden die biologischen Bedingungen, die zu einem guten Gedeihen notwendig sind. Sie erkennen, dass nicht alle Arten überall und nicht zu jeder Jahreszeit wachsen und damit ständig verfügbar sind. Sie finden heraus, dass regionales und saisonales Obst und Gemüse weniger Energie für Transport und Lagerung verbrauchen.

Nur was man kennt, wird man auch wertschätzen, lieben und schützen wollen. (Berliner Erzieherin)

In direkter Begegnung mit der natürlichen Umwelt finden die Kinder einen Zugang zur Frage, was eigentlich zur Natur gehört und was nicht. Kinder denken darüber nach, welche Bedeutung Natur für uns und unser Leben hat, wie umfassend wir in Naturzusammenhänge eingebunden sind. Dies ist eine Voraussetzung, um sich selbst als Teil der Natur zu verstehen, eine Wertschätzung für die Natur zu entwickeln und sich über das eigene Handeln, auch im Kita-Alltag Gedanken zu machen. Mitunter sind es eher Kinder als Erwachsene, die gern einen wärmeren Pullover anziehen und die Heizung um zwei Grad drosseln, die im Winter keine Lust auf Erdbeeren haben und die Äpfel vom Apfelbaum, der auf dem Freigelände der Kita steht, lieben.

Technik-Bildung fördert komplexes Denken

Jungen halten verschiedene Zahnbürsten in den Händen
© Christoph Wehrer/ Stiftung Haus der kleinen Forscher
"Warum gibt es so viele verschiedene Zahnbürsten?", "Welche Form oder welches Material ist besser?", "Für welche Bürste würde ich mich entscheiden?"

Zur Lebenswelt der Kinder gehört auch die Technik. Jeden Tag erleben sie den Einsatz von technischen Geräten - von der Zahnbürste über den Toaster bis zum Computer und Auto – und sie nutzen sie teilweise selbst. Sie sind außerdem umgeben von technischen Systemen wie dem Verkehr und der Müllentsorgung. Damit sie sich in der gegenwärtigen Welt zurechtfinden und eine zukünftige verantwortungsvoll mitgestalten können, müssen die Mädchen und Jungen mit technischen Denk- und Handlungsweisen vertraut sein. Das betrifft Bereiche wie die Konstruktion von Technik, ihre Nutzung, das Kommunizieren und Erkunden von Technik und deren Analyse und Bewertung. Technik zu erkunden und zu analysieren bedeutet, die Bestandteile und Bauweise technischer Gegenstände zu untersuchen. Zur Bewertung von Technik gehören die Fragen nach der Zweckmäßigkeit und der Materialauswahl. Kinder können untersuchen, wie gut die technische Lösung funktioniert, wo das Material herkommt, wie es hergestellt und ob es sorgfältig eingesetzt wurde. Auch technische Abläufe werden unter bestimmten Fragestellungen betrachtet.

Technik-Bildung kann in eine Bildung für nachhaltige Entwicklung münden.

Diese Betrachtungen machen deutlich, dass Technik nicht wertefrei ist. Ein erster Schritt für die Kinder ist es, zu erfahren, welche verschiedenen Perspektiven es gibt und dass sie zu einer unterschiedlichen Bewertung des Nutzens der technischen Gegenstände und Abläufe führen können. Technik-Bildung kann in eine Bildung für nachhaltige Entwicklung münden, indem man die Fragestellungen nach den Folgewirkungen der (neuen) Technik auf unsere Lebensweise insgesamt und auf das Leben der Menschen in anderen Ländern der Welt erweitert, indem man ökologische, ökonomische und soziale Aspekte berücksichtigt. So könnten zum Beispiel Fragen rund um den Müll, seine Herkunft und Entsorgung in ein größeres Projekt eingebunden sein, das auch einen Tauschmarkt für Spielzeug oder Kleidung beinhaltet. Hier wird Müll vermieden, weil Dinge eine weitere gute Verwendung finden.

Kinder für die Zukunft stark machen

Im Rahmen der frühen naturwissenschaftlich-technischen Bildung können Pädagoginnen und Pädagogen die Mädchen und Jungen beim Entdecken und Forschen auch zu komplexen Fragen und Aspekten einer nachhaltigen Entwicklung begleiten. Indem Pädagoginnen und Pädagogen gemeinsam mit den Kindern Herausforderungen, die naturwissenschaftlichen Fragen und technische Probleme darstellen, annehmen und meistern, machen sie die Erfahrung: "Ich kann das! Wir können das!" Sie erleben Selbstwirksamkeit und erlangen Zutrauen in die eigenen Gestaltungsfähigkeiten. Sie lernen darüber hinaus, dass auch MINT-Themen eng mit Wertehaltungen und unterschiedlichen Perspektiven verknüpft sind und es nur selten eine eindeutige Lösung für ein Problem gibt.

→  Dieser Beitrag ist am 13. Juni 2019 in der Fachzeitschrift "Kita Aktuell Spezial" zum Schwerpunkt Bildung für nachhaltige Entwicklung erschienen.

Portrait von Ute Krümmel
Autor/in: Ute Krümmel

Ich bin Ute Krümmel, Diplom-Pädagogin, und leite bei der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" das Projekt Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Seit vielen Jahren bewegen mich Fragen der Qualitätsentwicklung in Bildungseinrichtungen. Bevor ich zur Stiftung kam, habe ich die Serviceagentur "Ganztägig lernen Brandenburg" geleitet und als Moderatorin der Schul- und Unterrichtsentwicklungsinitiative "prima(r)forscher" der Deutsche Telekom Stiftung Veränderungsprozesse in Kita, Hort und Grundschule begleitet.

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