In guter Nachbarschaft: Schichtwechsel mit "faktura"

Zwei Schichtwechselnde in der Werkstatt
© faktura gGmbH
Unsere Kollegin (rechts) besuchte die Verpackungs-Abteilung in der Werkstatt von "faktura".

Zum zweiten Mal nahm die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" am Schichtwechsel teil. Bei dieser Aktion tauschen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung für einen Tag den Arbeitsplatz und erhalten Einblicke in das Arbeitsleben der/des anderen. Ich war auch dabei und berichte von meinem Tag in der "faktura".

Donnerstag, 24. Oktober, 8:10 Uhr: Ich nehme meinen gewohnten Arbeitsweg. Nach einem kurzen Sprint zur S-Bahn lasse ich mich in dieser mit den übrigen, wie ich noch leicht verschlafenen Fahrgästen durchschütteln, bis ich schließlich meine Station erreiche und zur Rungestraße 17 eile. Hektik ist bei mir oft Programm, gemütlich gehen fällt schwer, vor allem, wenn ich mal wieder zu spät dran bin. Während mein Arbeitsbeginn im "Haus der kleinen Forscher" zum Glück recht flexibel ist, darf ich heute nicht zu spät kommen. Ich flitze die Treppen im Gebäude hinauf und statt die Tür in unser Büro zu nehmen, wähle ich diesmal einen anderen Durchgang. Dieser führt mich in die "faktura", die benachbarte Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigung. Genau hier bin ich heute zum Schichtwechsel verabredet.

Der Aktionstag ermöglicht Begegnungen mit den Menschen in den Werkstätten.

Schichtwechsel

Neben drei Kolleginnen aus unserer Stiftung warten in der Werkstatt schon knapp 15 weitere Personen auf ihren Einsatz am Tauschplatz. An der Aktion beteiligen sich Arbeitnehmerinnen und -nehmer ganz unterschiedlicher Institutionen. So beispielsweise von der Berliner Feuerwehr, der Humboldt-Universität, Ikea, Radio Eins, der Deutschen Bahn sowie von Hertha BSC, um nur einige zu nennen. Während wir heute in die Schuhe der Werkstattmitarbeitenden schlüpfen, besucht ein Teil von ihnen im Gegenzug unsere Arbeitsstätten. Ziel dieses Tausches ist es, Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammenzubringen und die Perspektiven zu wechseln.

Ich freue mich, die Räumlichkeiten unserer langjährigen Nachbarn endlich von innen zu sehen. Häufiger schon wollte ich dem Duft im Treppenhaus bis hier hinein folgen. Mal riecht es bei faktura nämlich unwiderstehlich nach süßen Bonbons, die täglich hergestellt werden. Mal dringt der Geruch frisch gerösteten Kaffees in meine Nase, der auch hier produziert wird. Und kurz vor Mittag melden sich dann die deftigen Speisen an, die uns in der benachbarten Kantine regelmäßig versorgen. Der Betrieb in der Werkstatt ist vielfältig und beschäftigt derzeit 175 Mitarbeitende. Während meine Kolleginnen heute das Glück haben, ausgerechnet in die Bonbon- und Kaffeemanufaktur zu schnuppern oder schöne Textilien herzustellen, werfe ich einen Blick in die Abteilung Grafik- und Verpackung.

Ich werde sehr herzlich empfangen und lerne bei einer kleinen Vorstellungsrunde das Team kennen. Hier arbeiten Menschen, die aufgrund einer Beeinträchtigung vorübergehend oder dauerhaft den Leistungsansprüchen des allgemeinen Arbeitsmarktes nicht gerecht werden. Die Ursachen dafür sind so vielfältig wie die Positionen, die einige vor ihrer Arbeit bei faktura besetzten. Von der Bürokauffrau über die Psychologiestudentin bis hin zum Juristen sind hier viele Berufsgruppen vertreten. Häufig führten Stress und Dauerbelastungen zu chronischen Depressionen und dem Ausstieg aus dem Job. Oft sind es aber körperliche oder geistige Behinderungen, die eine Eingliederung in das allgemeine Berufsleben erschweren. In der Werkstatt soll der berufliche Ein- oder Wiedereinstig unterstützt werden.

Auf den Tischen der Verpackungs-Abteilung stapeln sich große Boxen, die mit Pergamenttütchen gefüllt sind, in denen sich etwa Ping-Pong-Ballgroße Samenkugeln befinden. Ein Berliner Hersteller hat das Eintüten dieser in Auftrag gegeben. Dazu werden die Tütchen in der Werkstatt mit einem Pappetikett versehen, das über die Öffnung gestülpt und mit einem großen Tacker befestigt wird. Ein etwas älterer Mitarbeiter hat sich heute der Aufgabe angenommen. Etwa alle zehn Sekunden höre ich ein metallisches "Klack" seiner Tackermaschine. Der Mann wirkt sehr entspannt und erzählt nebenbei, dass er seit etwa zehn Jahren hier arbeite.

Sorgfalt geht bei uns vor Schnelligkeit. Wir wollen uns hier nicht stressen.

Eine faktura-Mitarbeiterin

Mit seiner Kollegin beklebe ich derweil kleine, mit Bonbons gefüllte Weck-Gläser. 200 Stück hat eine Berliner Botschaft für eine Veranstaltung bestellt. Auf die Glasdeckel kleben wir je ein Logo, auf den Boden das Etikett mit den Inhaltsstoffen. Nach ein paar Versuchen macht sich meine Ungeduld bemerkbar und ich werde schneller. Bis zur Mittagspause könnte ich das schaffen, denke ich. Doch dann sagt meine Mitstreiterin sehr fürsorglich zu mir: "Lass dir ruhig Zeit. Sorgfalt geht bei uns vor Schnelligkeit. Wir wollen uns hier nicht stressen." Recht hat sie, denke ich. Das sollte ich mir selbst auch öfter sagen, wenn ich wieder Gefahr laufe, mich in der Hektik des Arbeitsalltags zu verlieren.

Die Mitarbeitenden der "faktura" arbeiten mitunter nur wenige Stunden am Tag. Viele Pausen beugen Überlastungen vor und lassen viel Raum für den interpersonellen Austausch. Wem dies zu viel wird, zieht sich in einen Ruheraum zurück oder geht nach Hause. Alle, soviel sie eben können. Gleichzeitig stehen den Angestellten zweimal wöchentlich interne Angebote zur Verfügung, wie Sportkurse, Mathe, Englisch oder künstlerisches Gestalten. Für ihre Arbeit erhalten sie in den Werkstätten einen Lohn und zusätzliche Arbeitsförderung. Die Beschäftigung in den Werkstätten ist nicht unumstritten; besonders wegen der geringen Löhne und der "Isolierung" vom eigentlichen Arbeitsmarkt stehen die Einrichtungen häufig in der Kritik. In anderen Ländern, beispielsweise Großbritannien, wurden die Werkstätten bereits geschlossen. Allerdings ist seitdem noch immer knapp die Hälfte der damals Beschäftigten arbeitslos.

In Gesprächen mit einigen Angestellten höre ich heraus, dass sie sich hier sehr wohl und gut aufgehoben fühlen. Zwar sei der Lohn nicht viel, aber sie hätten Freiraum und würden mehr wertgeschätzt als anderswo auf dem Arbeitsmarkt. Mitunter gelinge der Wiedereinstieg in diesen. Viele kämen jedoch nach kurzer Zeit zurück, weil der Druck der Leistungsgesellschaft zu groß werde. Eine Mitarbeiterin erzählt mir stolz, dass sie nun einige Stunden pro Woche in einer Praxis aushelfen darf. "Es bereitet mir Freude, anderen Menschen zu helfen", sagt sie.

Mir persönlich hat auch der Schichtwechsel viel Freude bereitet. Vor allem war es der familiäre und respektvolle Umgang, den die Angestellten hier untereinander und mit ihren Betreuenden pflegen. Die Arbeit ist sehr vielfältig und bietet allen die Möglichkeit, sich ihrer Leistungsfähigkeit und ihren Interessen entsprechend zu entfalten. Zudem habe ich nun einen besseren Eindruck, was sich hinter den Türen unserer Nachbarn verbirgt, die unsere Stiftung schon viele Jahre handwerklich unterstützen. Auch ich habe dadurch noch einmal mehr Achtung vor dem Handwerk bekommen. Wenn mir künftig wieder im Treppenhaus der Bonbonduft in die Nase steigt, erinnere ich mich an die schönen Begegnungen, die der Austausch ermöglicht hat.

Portrait von Julia Oberthür
Autor/in: Julia Oberthür

Bildung für alle und Nachhaltigkeit – diese Themen gehören für mich unbedingt zusammen. Deshalb arbeite ich im "Haus der kleinen Forscher" aus Überzeugung. Als Referentin für Presse, Public Affairs und Digitale Kommunikation unterstütze ich unser Team dabei, ansprechende Texte und klare Botschaften für eine breite Öffentlichkeit zu formulieren. Ich schreibe auch hin und wieder privat, noch lieber widme ich mich aber der Musik, singe in einem Berliner Chor und spiele Gitarre.

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